Lwiwska Melancholija

Auf die Toten stößt man in der Ukraine nicht an, sagt Anna. Sie muss es wissen, denn sie ist wenige Schritte von unserem Hotel in Lwiw aufgewachsen. Wer nur ein wenig über die Stadt weiß, kennt viele Geschichten über den Tod. Das Pogrom vom November 1918, die sowjetische Besetzung 1939, die furchtbare Herrschaft der Nazis von 1941 bis 1944. Über einige Reste jüdischen Lebens haben wir auf einer Stadtführung etwas erfahren, Ruinen und verblassende Inschriften betrachtet. Anna, die in Jugendzeiten mit ihren Eltern nach Deutschland emigriert ist, muss es wissen: Auf die Toten stößt man nicht an.

Zum ersten Mal fiel der Satz am ersten Abend unserer Exkursion, noch in Odessa. Wir taten das, was Jan Wielgohs an einem ersten Abend einer Exkursion wahrscheinlich auch getan hätte: Wir bestellten Wodka. Die Grabreden waren noch nicht gehalten, auch uns fehlten die Worte. Wir schwiegen, gedachten seiner, und dann runter damit. Und wir folgten einer weiteren Tradition: Für die Toten wird ebenfalls ein Wodka bestellt, der in die Mitte des Tischs gestellt wird. So war Jan – Kollege, Dozent, Freund – noch ein wenig bei uns. Die Gespräche schweiften ab, schließlich war es für viele von uns der erste Abend in einem bisher fremden Land. Aber hin und wieder trafen sich die Blicke über dem ukrainischen Herrengedeck: schwarzes Brot, roter Wodka.

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Lwiw. Hier, auf der letzten Etappe unserer diesjährigen Exkursion, schließt sich ein Kreis. Hier endete im Jahr 2014 auch die erste Tour in die Ukraine. Eine lebendige Stadt, aber die Wunden der Vergangenheit stechen hervor. Straßenbahnschienen ragen wie Hungerknochen aus den Straßen und enden im Nichts. Der Bahnhof steht, genau 150 Jahre nach der Erschließung der Stadt durch die Strecke Lemberg-Tschernowitz, etwas verlassen am Stadtrand, vom Zentrum getrennt durch das umstrittene Denkmal für Stepan Bandera.

Ich erinnere mich an 2014, als ich mit Jan etwas außerhalb untergebracht wurde. Kalter Wind durchwehte die winkligen Gassen, die sich abends drei Straßenzüge jenseits des Stadtzentrums leeren und alles Umtriebige hinter sich lassen. Pflastersteine, Sinnbild des alten und neuen Lemberg, markieren den Weg. Er könnte überall beginnen und enden. Nächtliche Laternen beleuchten einzelne Straßenabschnitte und tauchen die vielen Hinterhöfe in umso tieferes Dunkel.

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Heute, im September 2016, sind die Pflastersteine immer noch da. Wie schon zu k. u. k.-Zeiten bilden sie Muster, in denen der Regen abfließen kann. Wir sitzen im Kunst- und Musikklub „Dziga“ am Ende der Armenischen Straße. Wie schon seinerzeit 2014 bestellen wir eine Runde Konjak – was man eben so macht am vorletzten Abend einer Exkursion. „Lasst uns auf Jan trinken!“ klingt es in der Runde. „Gefällt es euch eigentlich in Lemberg?“, fragt Anna. Um noch schnell, bevor wir antworten können, hinzuzufügen: „Auf Tote stößt man nicht an.“

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