Skizzen eines zufälligen Gesprächs

von Karoline Winter

Der letzte Tag in Chernivtsi. Hinter uns liegt erneut ein regnerischer, kalter Tag mit vielen Eindrücken und Vorträgen. Vor uns liegt der Nachtzug nach Lviv, der uns nach Mitternacht von einer multikulturellen Stadt in die andere bringen wird. Bis dahin gilt es jedoch noch, die letzten Stunden in der nördlichen Bukowina zu genießen. Die Regenpause kommt uns dafür zu gute.

Und so spazieren wir von dem eindrucksvollen Universitätsgebäude über die Universytetska hin zum Theaterplatz. Die Abenddämmerung setzt ein und taucht den Platz sowie das Theater in rötlich-goldenes Licht. Ein Blick hinter die imposanten Theaterpforten. Verschlossen, dunkel. Das Leben spielt sich heute Abend draußen auf dem Platz ab.

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Zwischen Theatereingang und der Statue von Olga Kobylanska stehen vereinzelt junge Menschen herum. Wir beachten sie nicht weiter, überlegen, was wir mit dem angebrochenen Abend und den verbleibenden Stunden anfangen könnten. Einer der Personen auf den Stufen hört unsere Unterhaltung. „Oh, ihr sprecht Deutsch? Was macht ihr hier in Chernivtsi?“ Wir erzählen von unserer Exkursion und unserem Blog. Er ist sehr interessiert. Ein weiterer junger Mann stößt zu uns und deutet an, dass er weiter rüber auf die andere Seite des Platzes gehen wird. Ein Blick auf das Utensil in seinen Händen erklärt, was dies für ein Treffen ist. Die Gruppe trifft sich regelmäßig, um „sketches“ anzufertigen, sprich Skizzen von den wunderschönen uns umgebenden Gebäuden. Wir ziehen mit ihnen zur nächsten künstlerischen Perspektive. Uns gegenüber liegt das aktuelle Kulturzentrum, das außerdem das Jüdische Museum beherbergt. Daneben ein riesiges Gebäude – im Stil vom „rumänischem Realismus“ – das völlig deplatziert wirkt neben dem verschnörkelten Museumsgebäude. Während die jungen Kunstbegeisterten fleißig weiter zeichnen, unterhalten wir uns bei dampfendem, zuckrigem Tee mit Nazar, welcher uns zuerst angesprochen hatte.

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„Und, wie wird in Deutschland über die Ukraine berichtet?“, fragt uns Nazar, der Germanistik studiert hat und nun als Übersetzer für eine IT-Firma arbeitet. Wir erzählen, dass die Ukraine als mediales Thema besonders im Zuge des Maidans und den anschließenden Entwicklungen, Krim-Annexion und Krieg im Donbass, in den Fokus gerückt ist. Dass die Berichterstattung allerdings stark abgeflaut ist. Gegenfrage: „Was spürst du hier in Chernivtsi, 1000 Kilometer von der Frontlinie entfernt, vom Krieg?“. Nazar erwähnt einen seiner Kollegen aus dem Donbass, der mit Ausbruch des Krieges nach Chernivtsi kam. Somit ist er einer von mehr als einer Million Binnengeflüchteten in der Ukraine. Der immer noch dampfende Tee wird weiter gereicht. „Wisst ihr, die Leute in den Separatistengebieten können dort nicht leben.“ Laut unserem Gesprächspartner realisieren viele Menschen in den sogenannten Volksrepubliken von Donezk und Lugansk, dass ihre beruflichen und akademischen Qualifikationen sowie ihre Pässe nirgendwo etwas wert sind. Das erklärt, zusätzlich zu der in den „westlichen“ Medien oft vergessenen Tatsache, dass im Osten des Landes immer noch Krieg herrscht, warum so viele Menschen fliehen und sich im Rest des Landes niederlassen. Die Zeichengruppe lässt sich von unserem Gespräch nicht stören und arbeitet konzentriert an ihren Werken.

Inzwischen verlagert sich der Fokus unseres Gesprächs auf ein für uns ebenfalls sehr interessantes Thema: die Grenze. In den letzten Tagen haben wir uns auf verschiedenen Ebenen und aus unterschiedlichen Perspektiven damit befasst. Jetzt fragen wir endlich ganz konkret, die Menschen, die es besonders betrifft: „Wie funktioniert die Prozedur, um in der Ukraine ein Visum für ein Land der EU zu bekommen?“

Nazar zählt auf. Zunächst mal muss ein Termin bei der zuständigen Behörde gemacht werden – das Schreckensbild der überlasteten Berliner Bürgerämter taucht in unseren Köpfen als potentielle Analogie auf. Anschließend muss der Antrag gestellt werden, dafür braucht es viele Dokumente, Sicherheiten, und ungefähr 50 Euro. Die Summe erscheint uns nicht besonders hoch, gemessen am ukrainischen Durchschnittsgehalt von 200 US-Dollar pro Monat jedoch nicht unbeträchtlich. Insgesamt dauert es circa fünf Wochen, bis das ersehnte Dokument fertig ist. Natürlich gibt es unterschiedliche Arten von Visa – zum Beispiel für Touristen oder Studienaufenthalte – und dementsprechend verschiedene Abläufe. Die Komplexität und der Aufwand erscheinen allerdings für jede Art enorm.

Vor dem Hintergrund der andauernden Verhandlungen zwischen der Ukraine und der EU über ein Visa-Liberalisierungs-Abkommen fragen wir nach seiner Einschätzung, ob das Abkommen etwas ändern wird. Die Antwort ist ernüchternd. Nazar ist der Meinung, dass die Verhandlungen nicht groß etwas bringen werden und dass sich letztendlich nicht viel ändern wird. Es werde neue Wege geben, an der Grenze zu selektieren und die Reisefreiheit zu erschweren. Außerdem müssen alle ukrainischen Bürger*innen zunächst einen biometrischen Pass beantragen und bezahlen, bevor sie die Vorzüge der zu erwartenden Visa-Liberalisierung nutzen können.

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Ob die Grenze zwischen der Ukraine und der EU in Zukunft durchlässiger sein wird – aus ukrainischer Perspektive – wissen wir alle nicht. Auf unsere Frage hin, ob die Grenze an sich spürbar ist im Alltag von Chernivtsi, lacht Nazar nur. „Ihr meint, dass Bild von den Schmugglern, die Alkohol und Zigaretten en masse über die Grenze bringen.“ Natürlich gebe es das, aber dass die Grenze so nah ist, merke er eigentlich nicht.

Die Skizzen der Zeichengruppe sind fertig und wir bewundern die Resultate. Die kleinen Kunstwerke, die die Schönheit der Stadt widerspiegeln, stehen in starkem Kontrast zur brutalen Realität, die verborgen im Land herrscht. Denn von Krieg und Visabürokratie sehen wir auf den ersten Blick nichts im abendlichen Chernivtsi auf dem Theaterplatz. Der Tee ist inzwischen ausgetrunken. Die Kälte wird wieder spürbar. Zurück bleibt das wohlig warme Gefühl eines schönen Gesprächs – zufällig und deshalb aber umso bereichernder.

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