Grenzgänge in der Bukowina

„Grenzüberschreitende Kooperation“ – das Aushängeschild für europäische Integration in und um die Europäische Union herum. Die Aufenthalte entlang der ukrainischen Grenze sind eine gute Gelegenheit, einen Blick hinter die Fassade zu werfen und sich die Frage zu stellen, was mit cross-border cooperation gemeint ist und wie grenzüberschreitende Kooperation aussieht.


Schon in Odessa sind Grenzinstitutionen präsent. Wir treffen uns mit Vertretern von EUBAM, die European Union Border Assistance Mission to Moldova and Ukraine, die uns einen Einblick in ihre Aufgaben ermöglichen. Der Besuch hat einen bitteren Beigeschmack bei mir hinterlassen. Das Mantra, was hier herunter geleiert wird, ist Sicherheit. Das Budget wird in technische Ausstattung und Training gesteckt, welche die Grenzer in racial profiling ausbilden sollen, oder um beim EU-Terminus zu bleiben, in „risk profiling“. Natürlich sind Themen wie Schmuggel wichtig und wahrscheinlich gerade an der Grenze Ukraine-Transnistrien ein prekäres Thema. Dass aber kein Wort zu einer gleichberechtigten, integrierenden Kooperation fällt, enttäuscht mich.

In Czernowitz, einer Stadt mit einer multikulturellen Geschichte, nahe der moldauischen und der rumänischen Grenze, berichtet der Historiker und österreichische Honorarkonsul Sergej Osatschuk, dass die Euroregionen und die EU im Allgemeinen von den Bürger*innen der Ukraine allein als finanzielles Mittel wahrgenommen werden. Und diese Möglichkeit der Finanzierung bestehe auch nur für diejenigen, die es schaffen, sich durch den undurchschaubaren Bürokratiedschungel der EU zu schlagen.

Dieser Eindruck bestätigt sich bei dem Treffen mit dem Direktor vom Bukovinian Center for Development and Reconstruction, Yaroslav Kyrpushko. Er versteht den Weg zur Finanzierung durch die EU bestens und benutzt den Topf für grenzüberschreitende Kooperation für unzählige Projekte, die ich als klassische Entwicklungshilfe bezeichnen würde. „Projektmanagement ist Kunst“. Ihm ist sehr wichtig, dass wir das verstehen. Auf die Schlagwörter Bürger, Gemeinschaft oder Integration reagiert er nicht.

Uns wird aber auch eine andere Seite präsentiert, von Dr. Broyde, dem Direktor des EcoResource Center und dem Koordinator für die Euroregion Upper Prut, welche Moldawien, Rumänien und die Ukraine einschließt. Seine Projekte und Visionen drehen sich vor allem um eine gemeinsame Infrastruktur und grenzüberschreitende Zusammenarbeit bei ökologischen Projekten, wie Abfallmanagement oder der Aufforstung von Regionen. Er betont immer wieder die Signifikanz eines gemeinsamen, regionalen Rahmens. Er weist auf die gemeinsame Geschichte der Bukowina hin und erklärt, „Es geht nur zusammen“. Aber er zeigt auch auf, wie schwierig es ist, Finanzierungen für ausgearbeitete Projektpläne zu bekommen und hat viele Beispiele der Ablehnung durch die EU oder durch einzelne nationale Regierungen parat.

Auch in der nächsten Stadt unserer Exkursion, in Lviv, stehen Diskussionen zu grenzüberschreitenden Projekten auf unserem Programm. Die Stadtverwaltung wartet mit einem jungen, kompetenten Team sowie einer professionellen Dolmetscherin auf. Als direkte Nachbarregion zu Polen präsentiert es das Festival of Polish-Ukrainian Partnership. Die Priorität hier heißt Tourismus: der Austausch zwischen Lviv und verschiedenen polnischen Regionen, Direktflüge aus Polen nach Lviv und Networking zwischen den lokalen Verwaltungen. Immerhin verweist man hier im Nebensatz darauf, dass ein Austausch auf kultureller Ebene zwischen den Bewohner*innen die Basis für grenzüberschreitende Kooperation sei. Ansonsten scheinen auch hier die wirtschaftlichen Aussichten die antreibende Kraft zu sein, und nicht ein people-to-people-Ansatz auf der Ebene der Völkerverständigung, wie die EU es bewirbt.

Hinter grenzüberschreitender Kooperation wird, je nachdem wen man fragt, immer etwas anderes verstanden. Das einzige, was sich heraus kristallisiert ist, dass der integrative Wert, den die EU predigt, sich nur sehr verhalten zeigt. Wenn die Priorität der EU gar nicht im Bereich grenzüberschreitende Gemeinschaft ist, wo finden sich dann die Grenzgänger*innen und wer sind sie?

Vor dem Theater in Czernowitz spricht mich ein junger Ukrainer auf Deutsch an. Er fragt mich nach meinen Gedanken und Eindrücken, die ich während der Exkursion gesammelt habe, und gibt mir einen lebhaften Einblick in sein Leben in Czernowitz. Auf die Frage, ob er die Grenze in der Bukowina spüre, antwortet er mit einem eindeutigen Nein. Aber für mich stellt sich schnell heraus, dass er ein Grenzgänger ist, der die Brücke zwischen Deutsch und Ukrainisch schlägt, der an dem Austausch interessiert ist.

Grenzüberschreitende Kooperation ist ein angenehmes Projekt und Institutionen bemühen sich, sie über wirtschaftliche oder sicherheitstechnische Wege voranzutreiben. Aber es sind die Menschen selbst, die Integration und Kooperation vorleben. Hier passt grenzüberschreitende Kooperation zu dem allgemeinen Bild, welches ich von der Ukraine bekommen habe. Was hier passiert, passiert vor allem aus dem Eigenantrieb der Ukrainer. Bottom-up ist die große Hoffnung und Chance des Landes, auch was grenzüberschreitende Kooperation angeht.

 

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