Auch Hogwarts lehrte uns das Zaubern nicht

Von Marie-Thérèse Schreiber

Nach ziemlich genau 24 Stunden verließen wir Transnistrien – überflutet mit Eindrücken und dem Wissen, dass dieser knappe Tag definitiv nicht dafür ausreichte, sich ein genaues Bild von der Situation dieses Fleckchens Erde und seinen Menschen zu machen. Unser Bus, dessen Fahrer sich in einem angeregten Gespräch mit Christa Ebert als knallharter russischer Patriot outete, holperte mit uns die nächsten Stunden durch Moldau. Das kleine Land präsentierte sich als ein großes Feld mit ein paar wenigen Straßen und gelegentlich auftauchenden Marienstatuen an deren Rändern. Für die Strecke von Tiraspol nach Czernowitz wurde der gesamte Tag eingeplant. Zurecht. Erst in der einbrechenden Dunkelheit erreichten wir das kulturelle Zentrum der Bukowina.

Von dessen historischem Erbe sollten wir jedoch erst am nächsten Tag erfahren, da sich unsere Unterkunft weit außerhalb der Altstadt in einer Gegend befindet, welche außer ein paar Hochhäusern und einem Park nicht viel zu bieten hat.

Der Blick aus dem Fenster am nächsten Morgen verhieß nichts Gutes, das Wetter hatte umgeschlagen. Diverse Wetterdienste, die wir vor der Abfahrt in die Ukraine konsultierten, hatten uns mit ihren Vorhersagen über zwei Wochen Sonnenschein und 25-30°C heimtückisch getäuscht! Auf 15°C und Dauerregen waren wir nicht vorbereitet. Niemand hatte einen Regenschirm dabei, einige keine festen Schuhe, während sich einer meiner Schuhe wiederum auf mysteriöse Weise in der Nacht zuvor in Luft aufgelöst hatte, so dass ich Transnistrien mit nur einem Schuh verlassen musste. Kurzum: Der erste Gang des Tages erfolgte zum angrenzenden Markt. Eingedeckt mit dem Nötigsten fuhren wir in die Stadt, um uns mit Professor Rychlo von der Nationalen Jurij-Fedkovych-Universität Czernowitz zu treffen. In einer Traube fanden wir uns vor dem gusseisernen Tor des gewaltigen Gebäudekomplexes der Universität ein.

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Eine gute Freundin von mir hatte die Czernowitzer Universität als ukrainisches Hogwarts angepriesen und sie sollte recht behalten. Außen schmückten sich die kunstvoll arrangierten Backsteingebäude mit Türmen, Bögen und Säulen – innen suchten wir unseren Weg durch riesige Treppenhäuser mit alten steinernen Treppen und holzvertäfelten Wänden, durch pompöse Säle und breite Flure. Das Universitätsgelände verfügt sogar über eine eigene „Seminarkirche“, in der die Studenten der theologischen Fakultät den Ablauf von christlich-orthodoxen Messen, Predigten und liturgische Gesänge einstudieren können. Die 42 Meter hohe Kuppel sorgt für eine entsprechende Akustik.

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Selbstverständlich wurde die beeindruckende Kirche nicht extra zu Ausbildungszwecken erbaut. Dass sie dort steht, hat mit der bewegten Vergangenheit des Gebäudekomplexes zu tun, da hier ursprünglich einmal die Residenz der Bukowischen und Dalmatinischen Metropoliten angesiedelt war. Und dass sie sich heute noch in einem überragenden Zustand befindet, liegt daran, dass sie zu Sowjetzeiten eine große Rechenmaschine beherbergte, die ihrerseits den Einbau einer Heizung verlangte, um richtig zu funktionieren. Auf diese Weise blieb die Bausubstanz erhalten. Im Laufe der Exkursion erfahren wir von vielen solchen Tricks, um religiöse Gebäude vor der Zerstörung durch die Sowjets zu bewahren. Auch die Einrichtung der theologischen Fakultät erfolgte mittels einer Finte. Man nannte sie Philosophisch-Theologische Fakultät und bildet zusätzlich Philosophiestudenten aus, da die Errichtung einer rein theologischen Fakultät an einer staatlichen Universität aufgrund des Paradigmas der Trennung von Kirche und Staat auch nach dem Zerfall der Sowjetunion vermutlich nicht zugelassen worden wäre, wie Professor Rychlo berichtet.

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Heute verschieben sich die Verhältnisse. Insbesondere eine Kirche schaffte es erneut, sich signifikant in die staatliche Politik einzumischen. So geschehen während des Wahlkampfes von Yanukovych für das Amt des ukrainischen Präsidenten und auch auf dem Maidan. Um zu verstehen, wie uns weshalb, muss man die Situation in der Ukraine kennenlernen. Neben diversen anderen Glaubensrichtungen gibt es vier Arten von orthodoxen Kirchen in der Ukraine, welche sich hauptsächlich anhand der Anerkennung eines bestimmten Kirchenoberhauptes unterscheiden lassen: Die ukrainisch-orthodoxe Kirche Kiewer Patriarchiats, die ukrainisch-orthodoxe Kirche Moskauer Patriarchiats, die griechisch-katholische Kirche mit orthodoxem Ritus und die autokephale Kirche. Die ukrainisch-orthodoxe Kirche Moskauer Patriarchiats steht seit jeher für die Integration der Ukraine in die russische Einflussphäre. Unter Russlands Führung sollen alle Völker, die vermeintlich aus der Kiewer Rus‘ hervorgegangen sind, geeint sein. Religiös sowieso (welche Kirche beansprucht das nicht…), doch seit der Integrationsfrage und insbesondere seit dem Konflikt um die Ostukraine auch politisch. Laut Rychlo hat die orthodoxe Kirche mit Moskau-Anschluss in ihren Predigten aktiv Wahlkampf für Yanukovych und später gegen den Maidan betrieben, Wahlkampfmaterial in ihren Räumlichkeiten gelagert und auf andere Weisen „agitiert“.

Da wir uns in einer Stadt befinden, welche im Zuge des zweiten Weltkrieges den ethnischen Säuberungen der Nazis zum Opfer fiel, stellt sich uns die Frage nach der heutigen Aktivität der Jüdischen Gemeinde in Czernowitz. Zwischen dem ersten und zweiten Weltkrieg machte diese Gruppe immerhin ein Drittel der Bevölkerung aus. Die Antwort ist ernüchternd. Von ehemals 70 Synagogen sind noch zwei in Betrieb. Und selbst hier ist das Jüdische Kulturleben in Gefahr. So käme es öfter vor, dass Gottesdienste nicht stattfinden könnten, weil sich keine zehn jüdischen Männer zusammenfinden, die laut Konvention dafür vonnöten sind. Die Anzahl der Jüdischen Einwohner hätte nach der beinahe vollständigen Auslöschung des Jüdischen Lebens in Czernowitz wieder zugenommen, jedoch seien dies vor allem Einwanderer und zurückgekehrte Nachkommen von Vertriebenen, die sich zwar selbst noch als Juden verstünden, deren religiöse Praxis aber durch die jahrzehntelange Unterdrückung – auch zu Sowjetzeiten – stark abgenommen hätte.

Somit ist Czernowitz lange nicht mehr so multikulturell, wie es einst war. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert lebten hier unter anderem Polen, Ruthenen (oftmals auch Bezeichnung für frühe Ukrainer), Rumänen, Deutsche, Ungarn, Juden und Armenier Seite an Seite und gestalteten gemeinsam das Schicksal der Stadt, insbesondere im Interesse, Wohlstand aufzubauen, der ein gutes Leben ermöglicht. Im 20. Jahrhundert war Czernowitz dann in den Händen verschiedener Machthaber, die jeweils ihre eigenen Vorstellungen davon hatten, was Kultur und Zivilisation bedeuten. Die Zwischenkriegszeit war geprägt von der Rumänisierung, dann kamen die Nationalsozialisten, dann die Sowjetunion. Im Laufe dieser Entwicklung tauschte sich die Bevölkerung der Stadt nahezu komplett aus – nein, wurde gewaltsam ausgetauscht. Nun gehört Czernowitz zum jungen Staat Ukraine, wird hier Chernivtzi genannt, doch neben dem Verlust der Multikulturalität früherer Jahrhunderte ist vor allem diese Stadt auf der Suche nach „dem Ukrainischen“.

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Szenenwechsel. Es regnet noch immer, wird langsam dunkel. Wir betreten das Literaturcafé „Paul Celan“, das erst seit zehn Tagen existiert und durch eine Initiative fernab von staatlicher Unterstützung gegründet wurde. Hier treffen wir uns mit Evgenia Lopata, die als eine der jüngsten Kulturmanagerinnen des Landes das Literaturfestival „Meridian“ organisiert, und mit dem österreichischen Honorarkonsul und Historiker Sergej Osatschuk. Nach einer kurzen Einführung durch Evgenia hält Osatschuk eine beinah zweistündige Rede, die nicht wenigen von uns am Ende die Tränen in die Augen treibt. Aber fangen wir von vorne an.

Osatschuk bestätigt das Bild von Czernowitz‘ Gestalt und Entwicklung, welches wir durch Professor Rychlo vermittelt bekamen. Dennoch erhalten wir einige Zusatzinformationen. So gründet sich die spezielle Czernowitzer Mentalität laut Osatschuk insbesondere darauf, eigenverantwortlich tätig zu werden, eine starke, wirtschaftlich orientierte Zivilgesellschaft zu stellen. So existierten in der kleinen Stadt zu Beginn des 20. Jahrhunderts 1400 eingetragene Vereine. Es gab Vereine für alles und jeden, die Leute engagierten sich im Rahmen ihrer kulturellen Vielfalt, und versuchten, durch Vermittlung und Verhandlung in ihrer „multikulturellen Interessensgesellschaft“ das gemeinsame Interesse wirtschaftlichen Wohlstandes zu verwirklichen. Diesen Geist spüre man bis heute. Und er sei präge das, was Osatschuk als „Bukowinismus“ bezeichnet: Die hiesige Form eines Regionalpatriotismus, der sich weniger über ethnische oder kulturelle Merkmale definiere, als vielmehr über das unternehmerische Mind-Set.

Wie sich dieser Bukowinismus zur nationalen ukrainischen Identität verhält, wollen wir wissen. Osatschuk antwortet, dass die ukrainische Kultur nicht nur aus einer „Leitkultur“ bestünde, sondern aus allen Kulturen, die sich auf dem heutigen ukrainischen Territorium befinden. Das Ukrainische sei weder religiös noch ethnisch auf irgendeine Art und Weise homogen. Doch das mag nur die spezifisch bukowinische Vorstellung von der nationalen ukrainischen Identität sein. Andere Regionen haben andere Vorstellungen davon, was Ukrainisch ist. Als wir ein anti-russisches, nationalistisch anmutendes Schild ansprechen, welches wir hier in Czernowitz an einem Supermarkt gesehen hatten, schlägt die Stimmung um.

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Dort steht „Kauft ukrainisch!“, darunter ein durchgestrichenes „Russenschwein“. Ob wir uns tatsächlich über solche Symbole wundern würden, polterte es los. Menschen seien gestorben. Menschen sterben noch immer. Der Krieg in der Ostukraine habe bereits 30 Czernowitzern das Leben gekostet, es gäbe eine „Allee der neuen Toten“.
„Die ganze Welt muss mitfühlen, die ganze Welt muss mithelfen, doch alle schauen bloß zu! Auch damals schon, 2008, als Russland Georgien überfallen hat.“. Die Europäische Union würde zu wenig unternehmen, es müsse gar eine gemeinsame europäische Front an der Grenze zu Russland her, jetzt, nachdem hier 20 Jahre lang europäische Werte gepredigt wurden, müssten auch Taten folgen. Wir schlucken und blicken zu Evgenia Lopata. Denn im Internet ist folgendes Zitat von ihr zu finden: „Einige nehmen Waffen in die Hände und fahren nach Pervomajsk oder Lugansk um unser Land von Russland für immer zu schützen. Ich nehme Bücher in die Hände und diese Waffe, glauben Sie mir, ist nicht schwächer.“ Wie wird sie reagieren?

Auf einmal tut sich eine neue Kluft auf, über die richtigen Mittel zur Beseitigung eines politischen Konflikts. Nachhaltige Kultur- und Bildungsarbeit oder militärisches Eingreifen? Die Diskussion wird nicht weiter vertieft, Osatschuk stempelt die Kulturarbeit als Bequemlichkeit ab, Lopata weist lediglich auf den zentralen Stellenwert von zivilgesellschaftlichem Austausch hin. Mir scheint, als müsste man hier viel stärker differenzieren, als würde es hier vielleicht sogar um zwei völlig verschiedene Probleme gehen. Akute Kampfhandlungen kann man mit dem Lesen eines Buches nicht beenden, doch für eine nachhaltige Verständigung zwischen Gruppen mit verschiedenen Ansichten ist Kulturarbeit unabdinglich. Das eine ist durch Kurzfristigkeit charakterisiert, das andere durch Langfristigkeit. Und manchmal kommen kurzfristige Strategien mit langfristigen Zielen in Konflikt. Zwei Ebenen kommen hier zusammen: die physische und die mentale. Beide Ebenen benötigen eigene Instrumente, die nicht gegeneinander aufgewogen werden können.

Wir fragen Osatschuk, welche konkrete Lösung er für den Konflikt in der Ostukraine vorschlagen würde. Nun kann er auch nichts Genaues mehr sagen: „Niemand hat eine Antwort, alles ist zu kompliziert“, weist jedoch auf einen der Hauptkonfliktpunkte in der gescheiterten zwischenmenschlichen Verständigung in der Ukraine und in Russland hin. Dieser würde in der gespaltenen Erinnerungskultur bezüglich des Zweiten Weltkrieges bestehen. Die Menschen müssten verstehen, dass Stalin und Hitler die gleiche Art von Verbrechern gewesen wären. Dann würde „Putins Ideologie“ weniger Chancen haben, da diese wesentlich auf der glorifizierten Erinnerungskultur des „Großen Vaterländischen Krieges“ gegen die Faschisten, wie der Zweite Weltkrieg in Russland genannt wird, aufgebaut wäre.

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Osatschuk schließt mit den Worten: „Wissen Sie, wir hätten das Gespräch auch angenehm gestalten können, doch nun, sie sollten aus Ihrer Blase herauskommen.“ …So naiv, wie er denkt, sind wir nicht. Nichtsdestotrotz war das harter Tobak heute. „Was machen wir jetzt?“, tönt es durch den Raum. Gemeint ist die Frage nach dem weiteren Verlauf des Abends, doch wir alle lesen diese Frage gleichzeitig auf einer anderen Ebene. Einer Ebene, die sich auf die Zukunft Europas, die Zukunft der Ukraine und die Zukunft des Verhältnisses zu Russland bezieht. Vielsagend sehen wir uns an, doch Aussprechen können wir nur wenig. Die Gräben sind tief und die Zeit zurückdrehen kann niemand, denn Zaubern können wir auch nach dem vorangegangenen Besuch im Czernowitzer Hogwarts nicht.

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