Die Front liegt in der Ferne

von Luise Vörkel

Das Paul-Celan-Zentrum ist an diesem Montagabend ein Hort der Gemütlichkeit. Nach einem Tag in Czernowitz, ukrainisch Chernvivtsi, findet unsere Gruppe hier wieder zusammen. Am späten Nachmittag hatten wir ein paar Stunden für uns. Wir tranken Kaffee, machten Fotos von Jugendstil-Ornamenten, schlenderten unter Regenschirmen. 1000 Kilometer weiter östlich lagen zur gleichen Zeit junge Ukrainer und Ukrainerinnen im Schlamm, im Regen und hofften, heute nicht ihr Leben lassen zu müssen.

Zweieinhalb Jahre sind seit Kriegsbeginn im Donbass vergangen. Verhandlungserfolge zwischen der ukrainischen Regierung und den pro-russischen Separatisten gab es in der Zwischenzeit, doch der vereinbarte Waffenstillstand hielt nie für lang. Von Juni bis August diesen Jahres starben in jedem Monat 60 bis 70 Zivilisten. Galerien der Gefallenen gibt es in vielen ukrainischen Städten zu sehen. Eine neue Einigung lässt hoffen, dass niemand mehr sein Leben in diesem Konflikt lassen muss. In Minsk wurde dieser Tage ein sogenanntes Entflechtungs-Abkommen beschlossen, das den schrittweisen Abzug von Waffen und Menschen zum Inhalt hat.

Seit einer knappen Woche sind wir nun in der Ukraine unterwegs. In Odessa, wo wir uns trafen, bekamen wir nicht mit, dass wir in einem Land sind, in dem Krieg herrscht. Auch in Czernowitz ist die militärische Auseinandersetzung kaum präsent, zumindest nicht für’s bloße Auge. Die Gespräche, die wir in Honorarkonsulaten, Universitäten und Verwaltungseinrichtungen führen, drehen sich meist um Korruption und Reformen, selten um getötete Soldatinnen und Soldaten.

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Heute ist das anders, es liegt an Sergij Osatchuk, renommierter Historiker und österreichischer Honorarkonsul in Czernowitz. Nachdem er die besondere, von vielen Ethnien, Religionen und Herrschern geprägte Geschichte des Ortes mit Worten lebendig werden lässt, kommen wir auf die Situation im Osten des Landes zu sprechen. Auf die 10.000 Menschen, die im bewaffneten Konflikt im ukrainisch-russischen Grenzgebiet bereits umgekommen sind.

Auf den Straßen sehen wir immer mal wieder Männer in Uniform. Auch als Alltagsoutfit scheint Camouflage beliebt zu sein. Doch Botschaften, Positionierungen im öffentlichen Raum erblicken wir keine. Versammlungen oder Demonstrationen – Fehlanzeige. Die Ausnahme bilden folgende Sticker im Supermarkt: Die durchgestrichene Silhouette eines Schweins in Russland-Farben. Darüber klebt das Bild einer wütenden Matroschka, daneben die Worte „Kauft ukrainisch!“.

Lockere Unterhaltungen mit jungen Ukrainerinnen und Ukrainern hatten wir bisher kaum, vielleicht wäre unser Eindruck dann ein anderer. Als drei von uns sich an einem Kaffeestand auf Deutsch austauschen, erzählt uns der Verkäufer, dass er im letzten Jahr in Neustrelitz in Mecklenburg-Vorpommern war. „Ach, schöne Landschaft dort. Wie bist du denn da gelandet?“ fragen wir gut gelaunt. Die Antwort: Er versteckte sich bei seiner Schwester, denn eingezogen werden, das wollte er nicht.

Nun ist er zurück in einem Land, das mit vielen Konflikten zu kämpfen hat. Blicken wir auf die Gespräche zurück, die wir in der letzten Woche geführt haben, so ist das Vertrauen in die Regierung und die Parteien des Landes, der Glaube an die Wirksamkeit von Reformen sehr klein – bei den Taxifahrern, bei den Studentin, bei Expertinnen für Wirtschaft und Politik. Das Vertrauen an die Ukrainer und Ukrainerinnen, die an der Front im Donbass kämpfen, ist hingegen stark.

 

 

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