Odessa Hinterhofidylle

Aus der sowjetischen Zeit kennen wir Erzählungen über die Kommunalka – Gemeinschaftswohnungen meist mehrerer Familien, die lebenswichtige Räume wie Küchen und Toiletten miteinander teilten. Das Leben auf engem Wohnraum prägte die sowjetische Identität auf markante Weise. Von freiwilligen WG-Leben konnte zumeist keine Rede sein, wohl aber von Erfahrungen, die viel mit Beengtheit und deren Überwindung, mit gemeinsamen Strategien gegen die Unbill des Alltags und mit baufälligem Charme zu tun hatten.

Entrée Odessa. Da das Hostel für die Jungspunde called students nicht genügend Zimmer hat, sind wir zu dritt in einer Wohnung in der Pereulok Tschaikowskogo untergebracht. Wie es der Name andeutet, befindet sie sich direkt hinter der Oper, in bester Lage. Sie liegt in einem, nun ja, zauberhaften Innenhof mit einer unübersichtlichen Zahl von Wohnungstüren, Treppenaufgängen, Gemüsebeeten, Müllplätzen, Autos und einer großzügigen Sitzgelegenheit in der Mitte.

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Von der Straße kommend, die an dieser Stelle der Stadt sowohl Opernsängerinnen als auch wüste Partygäste aus Kiew und Tiraspol beherbergt, gelangt man also in eine spätsowjetische Oase. Oder in eine postsowjetische? Man kann nicht anders als das Ensemble als baufällig bezeichnen. Eine Frau in blauem Kittel fegt dennoch jeden Morgen den gesamten Hof und schimpft über liegengebliebene Flaschen. Ein junger Mann called non-student schraubt mit etwas glasigem Blick an seinem Moped. Zwei Kinder mit Windeln probieren aus, wie Kieselsteine aus Odessa schmecken. Aus einem der Zimmer klingt laut eine Violine. Hinter dem Durchgang in den nächsten Hof lagern Baumaterialien, in dem schon Unkrautpflanzen Wurzeln geschlagen haben. Überall: Katzen in allen Altersgruppen, die an geräucherten Fischen nagen (Anna Gleser: „süüüß!“; ich: „Krieg Dich ein“).

Wo in Prenzlauer Berg oder Tempelhof Grillfeste nötig sind, um Nachbarn zusammenzubringen – hier gilt der Hof als gemeinsamer Lebensraum. Die Nachbarn kennen sich und sprechen miteinander, was nicht heißt, dass der Umgang immer herzlich wäre. Anna unterhält sich verschiedentlich mit einem älteren Bewohner, der freimütig über das Leben in Odessa berichtet. „Zu viele Autos! Hier wollten alle sein wie in Amerika, jetzt stinkt die ganze Stadt“. Als wir am nächsten Morgen an ihm vorbeigehen und grüßen, wundert er sich: „Das machen wir hier eigentlich nicht“.

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Neben der atmosphärischen Mischung aus Palermo heute und Leningrad damals gibt es noch etwas interessantes. Im Durchgang hängt ein Zettel vom 1. September 2016, auf dem die Mietschulden ausgewiesen sind. Familie Markovka, sieben Monate Mietrückstand. Etc. Wir können die Sache nicht gut einordnen. Einige meinen, es handele sich um eine Praxis bereits aus sowjetischen Zeiten: blaming and shaming am Schwarzmeer. Andere sehen kapitalistische Auswüchse am Werk, wogegen meiner Meinung nach spricht, dass dann kaum Mietrückstände von 22 Monaten geduldet würden (Familie Marmusewitsch). Aber wie gesagt, die Meinungen gingen auseinander.

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Unsere Wohnung wurde übrigens über booking.com gebucht. An zwei von drei Tagen in Odessa diente sie als Versammlungsort von Exkursionsteilnehmern called students and non-students. Über unseren Lärm hat sich niemand beschwert, denn in vielen Nachbarwohnungen war es lauter als bei uns. Die Violine spielte bis in den späten Abend, die Katzen schnurrten.

Und wir machten uns, gerade als es uns gefiel auf den Weg nach Tiraspol in Transnistrien – einen Ort ganz ohne Hinterhoftradition, dafür habe mit bis heute anhaltendem echtem Kommunalkacharme. Was damit gemeint ist? Stay tuned!

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