Der lange Weg gen Osten

von Marie-Thérèse Schreiber, Lea Valentin und Karoline Winter

Langsam ankommen. Dafür hatten wir uns entschieden. Einerseits aus Geldgründen, andererseits natürlich aus dem Wunsch heraus, die Reise in die Ukraine auch wirklich als Reise zu empfinden. Und um zu verstehen, wie nah oder weit entfernt dieses Land nun eigentlich wirklich liegt, mit dem wir uns das Semester über so intensiv auseinandergesetzt hatten. Dafür nahmen wir uns zwei Tage Zeit. Zunächst ging es für uns mit dem „Polski-Bus“ durch Polen nach Kraków, von dort aus weiter mit dem „LeoExpress“ nach Lviv, welches aufgrund seines kulturellen Erbes und der rund 700.000 Einwohner die größte und bekannteste Stadt der Westukraine ist. Dorthin zu gelangen, kostete uns 18 Stunden reine Fahrtzeit. Vor allem deshalb, weil die Busse auf den polnischen Straßen nur sehr langsam fahren konnten. Die Zeit, die wir für den Grenzübertritt benötigten, tat ihr Übriges dazu.

image

Ausreise, Einreise, Weiterreise

Ein zentrales Thema unserer Exkursion – die Ukrainische Grenze zur Europäischen Union – konnten wir auf unserer Reise hautnah erleben. Zwar waren wir zum Zeitpunkt des Grenzübertritts noch in zwei Gruppen unterwegs, jedoch überschnitten sich die meisten unserer Eindrücke und Erfahrungen. Wir alle rumpelten bei Nacht im Halbschlaf durch ländliche Gegenden Polens bis wir den Grenzübergang erreichten. Vor uns erstreckte sich eine malerische Szenerie: tau- und nebelbedeckte Wiesen, die im Licht der aufgehenden Sonne schimmerten. Diese Idylle wurde vom regen Treiben am Grenzübergang durchbrochen, wo sich bereits eine Autoschlange gebildet hatte. Unsere bisher sehr ähnlichen Eindrücke weichen an diesem Punkt der Reise ab. Während der erste Bus die Grenze und sämtliche Prozeduren innerhalb einer dreiviertel Stunde passierte, steckte der zweite zwischen drei und vier Stunden fest.
Schon die polnische Ausreise erwies sich im späteren Bus als schwierig. Eine ältere Dame musste gemeinsam mit ihrer Tochter den Bus verlassen, weil ein Visum anscheinend seit dem Vortag – also ganze drei Stunden – abgelaufen war. Nach ein paar aufmunternden Worten unserer Busfahrer verschwanden sie in der Behörde und kamen auch nicht wieder zurück. Auch die Einreise war nicht ganz einfach. Hier gab es Probleme mit den Papieren des Busunternehmens, die Einzelheiten lassen sich für uns nur erraten. Schon an der Grenze merkten wir, dass Sprachkenntnisse ein bedeutender Vorteil sein werden. Nach der endlos erscheinenden Wartezeit ging die Fahrt jedoch weiter – mit Sonnenschein und Stempel im Pass.

image

Mit dem Nachtzug nach Odessa

In Lviv fanden wir uns in einer Dreiergruppe zusammen, um den Nachtzug nach Odessa zu nehmen. Der Weg aus dem trubeligen Zentrum der Stadt zum Bahnhof führte uns durch Viertel, die wohl eher nicht von Touristen besichtigt werden, uns aber einen authentischen Einblick abseits der Shoppingmeilen gab. Die Sonne versank langsam hinter den hohen Häusern und tauchte die Stadt in goldenes Abendlicht.

image

Wir waren bereit für den nächsten Abschnitt unserer Reise, diesmal mit gesteigertem Komfort im Nachtzug. Auf diese Art der Fortbewegung waren wir  schon sehr gespannt. Natürlich waren uns sämtliche Klischees von gruseligen Toiletten über ausschweifende Abteilpartys bekannt. Und sie sollten sich mehr oder weniger alle erfüllen. Äußerst gewaltig erstreckte sich der Zug auf Gleis 2 des Hauptbahnhofs in Lviv. Von außen ließ sich allerdings nur erraten, was uns innen erwarten würde.

image

image

Der gesamte Zug war mit verschlissenen Perserteppichen ausgelegt, die Klappsitze im Gang hatten ein Leopardenmuster und die Wände erstrahlten in einem Holzfunier, dass wie Plastik anmutete. Wir liebten es. Im Gegensatz zu unseren Mitreisenden, die wohl öfter mit dem Nachtzug fuhren. Für sie war der Zug einfach nur heruntergekommen, für uns hatte er einen magischen Charme. Insbesondere dann, als sich der Zug in Bewegung setzte, verschiedenste Geräusche von sich gab und die Gardinen begannen, bei offenem Fenster im Wind zu flattern. Der Nachtzug – eine eigene Persönlichkeit.

Wir waren in zwei verschiedenen Abteilen untergebracht, die sich jedoch unmittelbar nebeneinander befanden. Uns begleiteten jeweils ältere Ehepaare, die gerade von ihren Reisen durch „the Europe“ zurückkamen. Die einen sprachen Englisch, die anderen bis auf ein paar Brocken Englisch ausschließlich Russisch. Doch die teilweise vorhandenen Sprachkenntnisse, die sich von einigen Kursen vor vier Jahren noch irgendwo im Gehirn befanden, konnten remobilisiert werden! Das russischsprachige Ehepaar war begeistert und sogleich wurde zum Essen eingeladen. Brot mit Käse und Tee wurden verspeist, dabei Fotos angeschaut. Vom Familienhund „Kartoshka“ über die Enkelkinder und die Töchter im Skiurlaub bekamen wir alles zu sehen. Schließlich baten wir den Mann noch darum, ein paar Fotos von uns im Gang des Zuges zu schießen. Ein Auftrag, den er mit Begeisterung und viel Ausdauer ausführte.
Langsam wurde es still in Wagon 9. Die Reisenden der anderen Abteile hatten sich größtenteils bei offener Tür schlafen gelegt, da es unfassbar heiß und stickig war. Für diese Jahreszeit herrschen nämlich gerade noch ungewöhnlich hohe Temperaturen in der Ukraine. Nur in einem Abteil gaben sich ein paar junge Männer laut die Kante. Wir kletterten auf unsere Pritschen und schliefen langsam ein, begleitet vom Ruckeln und Klappern des Zuges und dem Gegröle nebenan. Dank Oropax kein großes Problem.

Grenzerfahrungen

Liebevoll von unseren Mitreisenden in den Abteilen geweckt und einigermaßen erholt nach 12 Stunden Fahrt, packten wir zügig unsere sieben Sachen. Auf dem Bahnsteig in Odessa wurden wir von imposanter Musik, die aus den Lautsprechern tönte, begrüßt. Das Begrüßungskomitee, bestehend aus dutzenden von Menschen mit Pappschildern, die ihre Dienste als Stadtführer*innen anboten, ignorierten wir weitgehend. Sollte dies ein fataler Fehler gewesen sein? Ausgestattet mit Handys ohne Internet, deren Akkus sich glücklicherweise eh verabschiedet hatten, und mit einem verpixelten Ausschnitt eines Stadtplans machten wir uns auf die Suche nach unserem Hotel. Diese stellte sich schwieriger heraus als erwartet. In unserer angepeilten Richtung mehrmals bestärkt von zu Rate gezogenen Odessiten, schlugen wir uns bei brütender Hitze durch die gewaltigen Straßen. Leider stellte sich nach einiger Zeit und zunehmender Verwirrung und Desorientierung heraus, dass wir geradewegs zum anderen Ende der Stadt unterwegs waren. Auf diesen Schock gönnten wir uns erstmal ein Frühstück mit Kaffee (und Strom und Internet). Unsere Odysee durch Odessa setzten wir anschließend gestärkt und mit klaren Orientierungshilfen fort.

image

Am Ende unserer Anreise und am Anfang der Exkursion stellen wir fest, dass Grenzen mehr als nur territoriale Markierungen zwischen Staaten sind. Grenzen sind vielseitig und erfahrbar, sowohl in der Peripherie als auch im Zentrum. Wir wurden mit Sprachgrenzen konfrontiert, die wir einigermaßen überwinden konnten. Doch in den Städten deuten sich andere Barrieren und Grenzen an, die vielleicht erst auf den zweiten Blick sichtbar werden. Wir sind gespannt, welche weiteren Grenzerfahrungen wir in den kommenden zehn Tagen zusammen machen werden!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s