„Do you know about the situation in Ukraine?“

von Anna Merk

Unterwegs in einem Land, das sich im Kriegszustand befindet. Im Nachtzug von Warschau nach Kiew lerne ich einen jungen Ukrainer kennen. Er hat in Warschau seine Eltern besucht, die dort arbeiten. Er fragt mich, wie das in Deutschland sei, ob wir wissen was die „situation in Ukraine“ ist. Er meint, dass das Thema in Polen wohl nicht viel Platz in den Nachrichten und Zeitungen findet. Ich antworte, dass alle in Deutschland wissen, dass es den Konflikt in der Ostukraine gibt, aber ja, auch bei uns ist das Thema im Moment nicht allzu präsent. Meiner Meinung nach kann man den deutschen Medien aber nicht vorwerfen, sich nicht mehr mit dem Thema zu beschäftigen. Ich habe das Gefühl, dass die deutschen Medien weiterhin mit einem wachsamen Auge den Konflikt zwischen Russland und der Ukraine verfolgen.

Doch was ist der aktuelle Stand?

Nach Unterzeichnung des Minsker Abkommens zwischen Vertretern der Russischen Föderation, der Ukraine, den prorussischen Rebellen und der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), gilt seit dem 15. Februar 2016 eine „unmittelbare und umfassende“ Waffenruhe. Innerhalb von zwei Wochen sollen schwere Waffen aus der Pufferzone abgezogen werden, anschließend sollen dann regionale Wahlen und ein Sonderstatus der Regionen Lugansk und Donezk umgesetzt werden. Soweit der Plan, bei der Umsetzung des Abkommens kam es immer wieder zum Stillstand. Erst diese Woche betonte der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier bei einem Treffen mit seinem ukrainischen Kollegen: „Wir wissen, dass noch viel Arbeit notwendig ist“. Erst im August drohte der Konflikt wieder hochzukochen. Russlands Präsident Putin hatte auf der Krim den Nationalen Sicherheitsrat zu einer Sitzung einberufen und noch einmal seine Ansprüche bezüglich der Annexion bekräftigt. Er rechtfertigte sein Handeln damit, dass die ukrainische Regierung nicht bereit sei das Friedensabkommen von Minsk zu respektieren.

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Doch wie umgehen mit diesem schwelenden Konflikt? Bei meinem kurzen Zwischenstopp in Kiew bekomme ich einen kleinen Einblick, wie sich ukrainische Künstler*innen mit dem Krieg auseinandersetzen. Die Ausstellung GUILT im Viktor Pinchuk Art Centre setzt sich mit historischer und individueller Schuld auseinander und der allseits aktuellen Frage: Wie umgehen mit der Vergangenheit? Dabei ist das Thema der historischen Schuld umso aktueller, weil es immer wieder im aktuellen politischen Diskurs und Informationskrieg verwendet wird. Die Fragen von Schuld und Verantwortung, Tätern und Opfern, wahr und falsch eignen sich hervorragend als Mittel zur politischen Manipulation auf allen Seiten.

Dabei wird in der Ausstellung betont, dass wir bereits heute den Grundstein der Erinnerungspolitik der Zukunft legen. Als weiteres zentrales Problem der Ausstellung steht die Tatsache, dass es schwierig ist, Erinnerungen wirklich zu teilen. Schließlich erfahren wir diese immer durch ein Medium, welches verzerrt oder uns nur einen Ausschnitt vom Ganzen präsentiert. Mykola Ridnyi zeigt in seiner Arbeit „Blind spot“ auf der einen Seite Kriegszenen, bei denen nur ein kleiner Bildausschnitt zu sehen ist, während der Rest schwarz bleibt. Dem entgegen setzt er Alltagsfotos, die von einem großen schwarzen Punkt verdeckt werden, sodass nur die Ränder unscharf ein Bild erkennen lassen. Auch in Lesia Khomenkos Arbeit „After the End“ sind Alltagsszenen abgebildet, allerdings hinter Milchglas und kaum zu erkennen. Bei beiden ist der Wunsch nach Rückkehr zur Normalität zur alltäglichen Routine erkennbar. Aber diese alltäglichen Szenen können derzeit nicht gezeigt werden oder die man nicht teilt.

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Am Abend geht es weiter nach Odessa im Nachtzug. In Kiew habe ich den ganzen Tag schon viele Soldaten im Stadtbild gesehen. Am Bahnhof gibt es einen extra Ticketschalter für militärisches Personal. Mein Schlafwagenabteil teile ich mir mit einem Soldaten von der Marine, leider haben wir keine gemeinsame Sprache um uns zu unterhalten.

Im Hostel in Odessa lerne ich Olga kennen, sie macht hier Urlaub. Olga kommt aus einer Stadt in der Nähe von Donezk, das unter ukrainischer Kontrolle ist. Sie bleibt dort, weil ihre Eltern nicht weg wollen, aber die meisten ihrer Freunde sind weggezogen. Sie erzählt auch, dass sie für eine Fahrt nach Donezk, für die sie früher maximal eine Stunde gebraucht hat, heute mehrere Stunden einplanen muss. Sie ist Lehrerin und arbeitet viel über Skype mit Schülern weltweit, hauptsächlich in Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Nachrichten verfolgt sie kaum. Wenn sie aktuelle Informationen will, dann ruft sie ihre wenigen noch in Donezk verbliebenen Freunde an.

Zumindest an einem Kiewer Kiosk begegnet man dem Krieg mit Humor.
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