Berlin – Odessa Shüttle

Unsere Exkursion beginnt am 14. September 2016 um 17:00 Uhr in der Vorhalle des Hotels in Odessa. So sieht es der Plan vor, aber so einfach ist es nicht. Denn wie kommt man überhaupt am besten nach Odessa? Flüge bieten sich an über Kiew, Wien oder Istanbul. Alle Verbindungen sind teuer, etwas umständlich und tragen außerdem den Makel, dass über ukrainischem Territorium schon mehr als ein Verkehrsflugzeug „aus Versehen“ abgeschossen wurde.

Was wäre denn die interessanteste Route nach Odessa? Noch in gemeinsamen Planungen mit Jan Wielgohs fassten wir eine Anreise mit der Fähre ins Auge, z. B. von Varna in Bulgarien oder über Istanbul. Das gibt es aber, so stellte sich heraus, nicht für Touristen. Die wenigen Schlafplätze auf den (selten fahrenden) Fähren sind für Fernfahrer reserviert, deren Trucks auf den Unterdecks schlummern. Dann schälte sich eine Route über Budapest, Galati in Ostrumänien und Izmajil in Südbessarabien heraus. Yeah! Die Strecke hat zwar den Nachteil, dass es rund um eine kurze moldauische Transitstrecke keine Busse gibt. „Trampen geht aber“, versicherte mir jemand, der sich auskennt.

Es kamen die schwarzen Tage Ende August, an dem uns alle an der Viadrina die traurige Nachricht vom plötzlichen Tod von Jan erreichte. Wir und ich hatten anderes zu verarbeiten, bis hin zu der Frage, ob wir unter diesen Umständen die Exkursion überhaupt durchführen sollten. Schnell herrschte jedoch Einigkeit, dass Jan selbst deren Absage kaum befürwortet hätte. Eine fröhlich-freie Fahrt würde es nun aber kaum werden. So blieb die Frage der Anreise im Raum. „Was bist Du denn so umständlich?“, das wurde ich ein ums andere Mal gefragt. Ganz einfach. Ich tat mich schwer, die Bessarabien-Pläne mit dem Tramp Jan Wielgohs aufzugeben.

Als die Vorbereitungszeit langsam wirklich knapp wurde, kam zuerst die nahe liegende Variante ins Spiel. Dutzende Buslinien, die die Ukraine mit Westeuropa verbinden, haben sich in den letzten Jahren etabliert. Einige warten sogar mit direkten Verbindungen zwischen Berlin und Odessa auf. Die Highway-Romantik wird aber empfindlich durch lange Reisezeiten gestört. Zwei Nächte nacheinander im Bus bei transkarpatischen Überholmanövern? Wenn man nachdenkt, ist das Risiko, am Himmel abgeschossen zu werden, vielleicht doch geringer. Interessant auch der Mitfahrservice mit dem vielversprechenden Namen „blablacar“. Hier sind die Preise konkurrenzlos günstig: €30,- von Berlin bis Lwiw, und von dort könnte man einen günstigen Nachtzug bis Odessa buchen. Allerdings irritiert die kurze Fahrtzeit, doppelt so schnell wie alle anderen Verkehrsmittel! Im Kleingedruckten liest man, dass die Wartezeit an der EU-Außengrenze nicht mit einkalkuliert wurde. Im Internet ist hier von bis zu 24 Stunden die Rede, „falls die Zöllner schlechte Laune haben“.

Bleibt also der Zug. Früher hätte sich die Frage gar nicht gestellt, denn bis 2011 gab es einen täglichen Shuttle zwischen Berlin und Kiew mit Kurswagen nach Odessa. Heute ist es nicht mehr so einfach: Umsteigen in Warschau und in Kiew. Ein wenig mehr Romantik verspricht der Weg über Budapest und den ungarisch-ukrainischen Grenzort Chop. Die etwas abgelegene Route passt zudem besser zum Thema der Exkursion, die sich um staatliche Handlungsfähigkeit in Grenzregionen dreht. Seit Viktor Orbán II. hat sich Ungarn in die politische Peripherie katapultiert; Mitteleuropa ist wieder Grenzland geworden. Was liegt also näher als die Vyšegrad-Staaten abzufahren und sich dann entlang des ukrainischen Grenzlands über Mukačeve, Lviv, Chmelnyckyj und Kodyma nach Odessa durchzuschlagen?

Jetzt also los.

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Nach wehmütigen Minuten am Berliner Hauptbahnhof fährt der EuroCityNight über die Yorckstraße, später unter dem Südkreuz hindurch und hält als nächstes in Dresden. Dann Prag, Bratislava, Budapest. In der Bahnhofshalle des Keleti-Bahnhofs herrscht eine provinziell-muffige Atmosphäre. Kein Kiosk mit internationalen Zeitungen, keine Bäckerei. Dafür Security. Im Bahnhof, der im Jahr 1989 zu einem Umschlagpunkt für DDR-Flüchtlinge geworden war, patrouillieren Uniformierte und kontrollieren alle Personen, die nicht ung-arisch aussehen. Aus dem Symbol für die geistige Öffnung Mitteleuropas, das der Keleti-Bahnhof einmal war, ist ein Merkmal für die politische (und moralische) Verkrustung Europas geworden.

Der Zug nach Nyíregyháza allerdings fährt pünktlich. Der Zug ist voll mit Rentnern und einigen wenigen jüngeren Menschen, die an ihren Handys herumfummeln. Würde ich ja auch gerne, aber ich bin ja offline! Viele Zwischenbahnhöfe sehen aus wie zwischen Berkenbrück und Pilgram auf der Strecke Berlin-Frankfurt (Oder): nüscht los, aber irgendjemand scheint sich um das Unkraut zu kümmern. Die Bahnsteige sind zwar alter Bauart und werfen Asphaltblasen, aber sie sind blitzblank. In jedem größeren Bahnhof taucht ein Bahnbeamter in einer feschen rot-grün-weißen Uniform auf und flötet zur Weiterfahrt.

Zwischen Záhony in Ungarn und Chop verkehrt drei Mal am Tag ein Zug, bestehend aus einer Diesellokomotive und einem Waggon der ungarischen Eisenbahn. Er tuckelt über eine altertümliche Brücke und landet in einem fast menschenleeren Bahnhof an. Welcome to Ukraine!

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Noch vor wenigen Jahren passierten hier täglich Züge zwischen Wien, Budapest, Prag und Belgrad sowie Lviv, Kiev, Charkiv und Moskau. Nichts von dem gibt es mehr. Von insgesamt 19 Schaltern ist nur noch einer geöffnet; eine junge Bedienstete döst im Neonlicht. Der Bahnhofsvorplatz liegt unter der Nachmittagssonne wie ausgetrocknet da. Wir werden während der Exkursion versuchen müssen, uns den ganz offensichtlichen Negativeffekten der EU-europäischen Grenzziehung zuzuwenden.

Nach vier zähen Stunden in einem saloonartigen Café namens „Super Chop“ fährt der Nachtzug nach Odessa. Er atmet sowjetisches Flair. Samtroter Plüsch, silberne Teetassen, grüne Plastikbügel für die Nachtgarderobe. Der Mitreisende ist Oberst beim ukrainischen Zoll und schimpft auf die Politik in Ost und West. Alles, so skizziert er es im Schlafwagenabteil, gehe den Bach hinunter. Er trinkt nicht, aber raucht, „und zwar ordentlich“. Ich erzähle von der Exkursion und von Jan, wir schauen durch das dunkle Abteilfenster.

Am nächsten Morgen zeigt sich, dass in der Ukraine nicht alle Bahnsteige mit Pestiziden behandelt werden, dass dafür aber auch die Gleise weniger in Schuss gehalten werden. Es schaukelt und schüttelt, ein Schwarzmeerdampfer wäre nichts dagegen. Ich bin froh über das langsame Tempo von höchstens 50 km/h – nicht wegen der allgegenwärtigen Sehnsucht nach Entschleunigung, sondern weil es bei höheren Geschwindigkeiten unmöglich wird, die Augen auf die Reiselektüre zu richten. Ein Zugrestaurant gibt es nicht, aber dafür Tee vom Samowar, eine Banane aus Budapest und hart gekochte Eier noch aus Berlin. Dazu, aus dem eher schäbigen Lautsprecher, Bob Dylan. Ich denke, Jan hätte es vermutlich gefallen.

 

„It’s All Over Now, Baby Blue“ (Bob Dylan)

You must leave now, take what you need, you think will last
But whatever you wish to keep, you better grab it fast
Yonder stands your orphan with his gun
Crying like a fire in the sun
Look out the saints are comin‘ through
And it’s all over now, Baby Blue.

The highway is for gamblers, better use your sense
Take what you have gathered from coincidence
The empty handed painter from your streets
Is drawing crazy patterns on your sheets
This sky, too, is folding under you
And it’s all over now, Baby Blue.

All your seasick sailors, they are rowing home
Your empty handed armies, are all going home
Your lover who just walked out the door
Has taken all his blankets from the floor
The carpet, too, is moving under you
And it’s all over now, Baby Blue.

Leave your stepping stones behind, something calls for you
Forget the dead you’ve left, they will not follow you
The vagabond who’s rapping at your door
Is standing in the clothes that you once wore
Strike another match, go start a new
And it’s all over now, Baby Blue.

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