„It’s about protecting your motherland“ (Deutsche Version)

Am 11.10.2015 trafen sich Jesse und ich mit Valerij N., einem aktiven Kämpfer eines namenhaften Freiwilligenbataillons (Name des Bataillons wird auf Wunsch nicht genannt), welchen wir einen Abend zuvor im Makhno Pub in Dnipropetrowsk kennenlernten und uns daraufhin mit ihm zum Interview verabredeten. Die daraus gewonnen Eindrücke seiner Erfahrungen von den Kämpfen im Osten des Landes und der derzeitigen Situation in der Ukraine wollen wir in diesem Beitrag mit euch teilen.

Aber zunächst zu seiner Person: Valerij N. ist 25 Jahre alt und in Dnipropetrowsk (200 km von der aktuellen Frontlinie) geboren, wo er laut eigener Aussage die meiste Zeit seines Lebens verbracht hat und auch noch heute lebt. Er spricht überwiegend Russisch, aber auch Ukrainisch und vor allem auch sehr gutes Englisch, da er vor dem Ausbruch des Konfliktes im Osten, Englisch-Lehrer in Dnipropetrowsk werden wollte. Seine Erziehung, welche besonders durch seine Großmutter beeinflusst war, bestand vor allem aus, wie er sagt, „Sowjetischen Klischees“, zu welchen auch das Verantwortungsbewusstsein, für das „Mutterland“ gehörte und die damit einhergehende Pflicht, dieses im Falle eines Angriffs unter allen Umständen zu verteidigen. Diese Art der Erziehung und Sozialisierung sieht er heute mitunter als Hauptgrund für sein Engagement im Freiwilligenbataillon, jedoch hieße das Mutterland für ihn nicht mehr Sowjetunion, so wie für seine Großmutter, sondern eben Ukraine. Sich selbst sieht er als gebürtigen Ukrainer, seine Rechte und Pflichten gegenüber dem Land, habe er mit seinem Ukrainischen Pass, im Alter von 16 Jahren, angenommen und damit akzeptiert. Dazu zähle im Übrigen auch, wie er sagt, der auf seinem Pass abgebildete Grenzverlauf des Landes, welcher somit der einzige sei, den er akzeptieren kann. Die Ukraine bedeute für ihn vor allem Heimat und auch wenn es momentan kein gutes Land sei, ist es dennoch sein Land, das einzige das er habe.

Was dem Land vor allem seine Identität gebe, seien die Leute, die Ukrainer. Daher sei ihm die Unterscheidung zwischen der Regierung eines Landes und dessen Bevölkerung besonders wichtig. Nicht die ukrainische Regierung sollte mit der Ukraine assoziiert werden, sondern die Menschen die in diesem Land lebten. Dasselbe gelte für ihn ebenso in Russland. Er habe nichts gegen die russische Bevölkerung und auch nichts gegen die russischen Streitkräfte gegen die er selbst kämpft. Es sei die Schuld der russischen Regierung die versuche die Ukraine mit Gewalt auseinanderzureißen und die russische Bevölkerung durch ihre Propaganda im Fernsehen, gegen die Ukrainer aufzuhetzen. Dies führt auch zu Streit innerhalb ukrainisch-russischer Familien, die dadurch ebenfalls zunehmend auseinanderdriften. Jahrzehntelange Familienbeziehungen werden durch verschiedene Ansichten zum Konflikt zerstört. Als persönliches Beispiel führte er seinen Cousin an, der in Russland lebt und mit dem er aufgrund zu großer politischer Differenzen nicht mehr reden könne. Die russische Nation sei nicht unser Feind, sagt er, aber die russische Regierung ist es. Diese Ansicht teilten auch die, laut seiner Aussage, mittlerweile knapp 1000 ausländischen Soldaten, insbesondere aus Belarus und Georgien, aber der weitaus größte Teil aus Russland selbst, davon wiederum eine signifikante Zahl aus Tschetschenien, die mit ihm gekämpft haben. Sie seien davon überzeugt, in der Ukraine zu kämpfen sei der schnellste Weg die Regierung Putin zu Ende zu bringen.

Weiterhin betont er in Bezug auf Russland die Unterscheidung zwischen „Russisch“ (русский/russkij) und „Russländisch“ (российский/rossijskij). Die Bevölkerung Russlands sei demnach Russländisch und Russland ein föderaler Vielvölkerstaat, in welchem eben nicht nur ethnische Russen lebten. Die aktuelle russische Regierung und ihr Präsident Wladimir Putin würden dies zunehmend ausblenden und nur noch den russischen Kern des Landes betonen. Die Bevölkerung Russlands verdiene besseres, so sagt er. Definitiv nicht russländisch hingegen sei für ihn die Ukraine. Die Tatsache, dass in der Ukraine auch Russisch gesprochen werde, führe nicht zu einer pauschalen Verbindung mit Russland. Generell sei es ihm wichtig, sich so weit wie möglich von Russland abzugrenzen. Die Menschen sollten nicht mehr automatisch auch an Russland denken, wenn es um die Ukraine geht. Dies gelte auch für die Russen selbst, welche gerne als Touristen in die Ukraine kommen können um sich das Land anschauen und die Leute kennenlernen, aber sie müssten eben verstehen, dass sie in einem anderen Land seien und nicht mehr in Russland, so wie es viele tun. Er möchte in Zukunft eine gute und freundschaftliche Nachbarschaft mit Russland, jedoch mit einer spürbaren Grenze dazwischen. Eine solche Nachbarschaft sei jedoch mit der aktuellen russischen Regierung nicht vorstellbar.

Zu Europa könne er nicht viel sagen, da er nie da gewesen sei und daher raten müsste wie es sei dort zu leben. Als großen Vorteil in Europa sieht er das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit, welches er in seinem Land oft vermisse. Ein Nachteil sei der zunehmende Multikulturalismus in Europa, mit welchem er nicht viel anfangen könne. Auf die Frage hin, wie er die europäische Unterstützung der Ukraine sehe sagte er, dass zu viel Unterstützung auch wieder die Gefahr mit sich bringt, sich erneut abhängig zu machen. Die aktuellen Probleme in der Ukraine können nur durch die Ukrainer selbst gelöst werden und es sei an ihnen und insbesondere seiner Generation, das Land nach ihren Vorstellungen in Zukunft zu verändern. Ganz ohne Unterstützung von außen sei dies allerdings auch nicht möglich.

Sich freiwillig zu melden war für ihn, nach den Ereignissen auf der Krim, regelrecht selbstverständlich, da dies in seinen Augen erstmals ein Angriff auf sein Land darstellte und es seine Pflicht gewesen sei dieses zu verteidigen. Dennoch war eine Betätigung im Militär für ihn davor nie eine Option. Als ihn die ukrainischen Streitkräfte mit 18 zum Wehrdienst einziehen wollten, wurde er als untauglich eingestuft und war sehr glücklich darüber, da er somit sofort sein Englisch-Studium beginnen konnte. Nicht zuletzt hatte er dieser Einstufung selbst mit etwas Geld für den Arzt nachgeholfen. Als Russland die Krim annektierte brach er dieses ab und meldete sich freiwillig bei den Streitkräften, welche ihn jedoch aufgrund seines Einstufungsergebnisses als untauglich nicht annahmen. Da er trotzdem sein Land verteidigen wollte, wie er sagt, ging er zum Freiwilligenbataillon, welches ihn schließlich akzeptierte. Durch die Ereignisse auf der Krim ging auch die Beziehung mit seiner Freundin zu Ende, welche auf der Krim lebt und mit der er sich kurz zu vor verlobt hatte. Er sagt der Sinn im Leben bestehe entweder auf der kleine oder auf der großen Ebene. Die kleine sei eine Familie zu gründen, Frau und Kinder zu haben, und diese zu versorgen. Die große Ebene hingegen, sei für das eigene Land und die Gesellschaft da zu sein. Er hätte immer gedacht, dass für ihn nur die kleine Ebene in Frage käme, sagt er, aber als diese Option durch die Trennung zu Ende ging, entschied er sich für die große Ebene und sein Land zum Wohle der Gesellschaft zu verteidigen und zu kämpfen.

Die Trainings des Freiwilligenbataillons fanden in den Oblasten Kiew und Dnipropetrowsk statt, wo genau möchte er nicht verraten. Dort wurde er zunächst einige Zeit für den Einsatz im Osten ausgebildet und vorbereitet. Danach ging es in die umkämpften Gebiete um die ukrainischen Streitkräfte bei der sogenannten ATO (Anti-Terror-Operation) zu unterstützen und zu verstärken. Insgesamt war er 60 Tage in 3 verschiedenen Einsätzen. Der erste war im Oblast Luhansk, zwischen Lyssytschansk und dem Mizhnarodni Highway 03. Der zweite im Oblast Donezk, in der Nähe von Debalzewe (siehe: Kampf um Debalzewe) und der dritte in der Region um Mariupol (siehe: Kampf um Mariupol). Die Ausrüstung bestand, wie für so ziemlich die gesamte ukrainische Armee zutreffend, aus dem was aus Sowjetzeiten übriggeblieben ist, d.h. Bewaffnung mit AK-47 (Kalaschnikow). In der Region um Lyssytschansk bestand seine Aufgabe zunächst darin Checkpoint-Arbeit zu leisten und Fahrzeuge und Personen zu kontrollieren. Später war er für die Abwehr feindlicher Fahrzeuge zuständig, wozu die Flugabwehrkanonen des Typs ZU-23-2 (23mm) genutzt wurden (siehe Bild 2). In Debalzewe und Mariupol ging es darum die Städte gegen die Angriffe der Separatisten zu verteidigen und zu halten. Debalzewe ging schließlich an die Separatisten verloren, zu dieser Zeit war er bereits in Mariupol, welches letztendlich gehalten werden konnte. Auf die Frage ob er uns etwas über die russische Beteiligung an den Kämpfen sagen könne, meinte er, er hätte sie selbst gesehen, sie würden weiße Bänder am Arm tragen um sich gegenseitig zu erkennen und würden sehr viel besser kämpfen als die Separatisten. Zudem hätten sie Ausrüstung die nicht mehr aus der Zeit der Sowjetunion stammen würden. Er sei davon überzeugt, dass diese aktive Soldaten der russischen Streitkräfte gewesen seien.

Sein Ziel, sagt er, sei die vollständige Wiederherstellung des Landes, so wie es auf seinem Pass abgebildet sei, das heißt inklusive Donezk, Luhansk und auch der Krim. Dazu würde er kämpfen bis zum „Ende“. „Wir kämpfen nicht für die Interessen von Oligarchen, sondern um unsere Heimat zu verteidigen.“, sagte er. Diese Meinung äußerten auch Bataillonsführer anderer Freiwilligenbataillone, wie bspw. der Kommandeur des Prawyj (Rechten) Sektors Dmytro Jarosch. Im November dieses Jahres möchte er wieder zurück, zum Kämpfen an die „Front“ der ATO. Als Reservist bekommt er derzeit 900 UAH (circa 40 €), als Aktiver 3.000 UAH (circa 130 €) und als Aktiver im Kampf 12.000 UAH (500 €). Das Freiwilligenbataillon in welchem er kämpfte, untersteht jedoch mittlerweile dem ukrainischen Innenministerium, bzw. der Nationalgarde der Ukraine. Sollte diese ihn nicht nochmal annehmen, würde er sich auch dem Prawyj (Rechten) Sektor anschließen. Diese seien zwar nicht dasselbe, aber im Moment zumindest ähnlich und es sei besser als nicht zu kämpfen. Auf keinen Fall wolle er sich jemandem anschließen, der das ukrainische Volk bekämpfe und es so gegeneinander aufbringen würde. So möchte er kein Mitglied des Rechten Sektors sein, wenn diese die Polizei bekämpfe und auch kein Mitglied der Polizei, wenn diese den Rechten Sektor bekämpfe. „Diejenigen gegen die wir momentan kämpfen sind keine Ukrainer, sondern Menschen, die das Land auseinanderreißen wollen.“, betont er nochmal zum Schluß des Gesprächs.

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