Subjektive Eindrücke der Mehrsprachigkeit in der Ukraine

Von Thomas Rettig

Das zentrale Thema der aktuellen Exkursion bildet die Debatte um die Mehrsprachigkeit in der Ukraine und die identitäre Selbstverortung der russischsprachigen Bevölkerung. Während die ländlichen Gebiete weitgehend ukrainisch geprägt sind, ergibt sich gerade in den großen Städten je nach Interpretation eine Dichotomie oder ein Nebeneinander der ukrainischen und der russischen Sprache – oder auch wie im Falle der Exkursionsziele Dnipropetrovsk und Odessa ein großes Übergewicht des russischen Sprachgebrauchs. Abgesehen von wissenschaftlichen Untersuchungen und Analysen ist es für die Teilnehmer der Exkursion insbesondere spannend zu erfahren, was die Menschen in diesen Städten selbst von diesem “Problem” halten.

Einen interessanten Einstieg bietet bereits die erste Taxifahrt in Kiev am ersten Exkursionstag. Kaum eingestiegen ergeht über die Besucher aus Deutschland eine Schimpftirade des Fahrers, weil sie es gewagt haben ihm den Guten Abend auf russisch zu wünschen. Dieser Fauxpas, bedingt durch mangelnde Ukrainischkenntnisse und die allgemeine Gewohnheit an den russischen Sprachgebrauch in der multilingualen Stadt Kiev ist für den Taxifahrer nicht zu verzeihen. “Es ist nicht in Ordnung, wenn Ausländer in die Ukraine kommen und hier russisch reden”, schimpft er. Nach einiger Zeit beruhigt er sich jedoch und Fahrer und Fahrgäste hören gemeinsam den Anweisungen des Navigationsgerätes zu – in russischer Sprache.

Auch der nächste Eindruck lässt nicht lange auf sich warten. Als die Reisegruppe ihre Zimmer im Hostel bezieht, ergibt sich ein interessantes Gespräch mit einem Angestellten. Angesprochen auf die Thematik der Mehrsprachigkeit ereifert er sich in einen emotionalen Monolog. Er hält das Problem für unnötig konstruiert. Seine eigene Muttersprache ist russisch, dies hat für ihn jedoch noch nie irgendein Problem dargestellt oder seine Identität als Ukrainer in Frage gestellt.

Eine andere Meinung erfahren die Exkursionsteilnehmer bei einem Schulbesuch in Odessa. Im Gespräch mit der hiesigen Deutschlehrerin, ihres Zeichens russische Muttersprachlerin, gesteht diese, dass sie sich seit den Ereignissen auf dem Maidan schwer damit tut, im Ausland russisch zu reden. Sie möchte einfach nicht als Russin wahrgenommen werden. Aus diesem Grund weicht sie häufig auf die ukrainische Sprache aus, auch wenn sie diese nicht gleichwertig beherrscht.

So gegensätzlich diese Meinungen auch sind: der generelle, zugegeben sehr subjektive Eindruck der Forschungsreise bestätigt die Meinung des Angestellten im Hostel. Der Großteil der Gesprächspartner ist wie er der Meinung, dass der Konflikt um den Sprachgebrauch von der Politik unnötigerweise künstlich konstruiert wurde. Vor der Zeit des Maidans stellte dies praktisch nie ein Problem dar. Es war ein natürliches Phänomen, dass manche Dinge in diesem Land auf ukrainisch, manche auf russisch geregelt wurden – je nach Situation und Umfeld. Erst die zwanghafte Suche nach der nationalen Identität der Ukraine kreierte eine politische Debatte, die dem Anschein nach eher dazu taugt, trennende Elemente zu schaffen als die Gesellschaft zu einen.

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