Ein geklauter Feiertag?

Von Sarah Haupenthal

Zum ersten mal haben wir durch eine Lehrerin einer deutschen Schule in Odessa von dem neuen Feiertag gehört, der am in diesem Jahr zum ersten Mal stattfinden sollte. „Bei der letzten Arbeitsbesprechung haben wir uns gefragt, warum der 14. Oktober nicht im Stundenplan auftaucht. Man hat uns dann erklärt, dass an diesem Datum der ‚Den Zakhystnyka Ukrainy‘, der ‚Tag der Verteidiger der Ukraine‘ gefeiert werden wird und die Schule wie an jedem Feiertag geschlossen bleibt.“ Und tatsächlich, ein Blick ins ukrainische Wikipedia zeigt: im Zuge der aktuellen Entkommunisierungsmaßnahmen in der Ukraine, die die Beseitigung von sowjetschen Symbolen aus dem öffentlichen Raum und Bewusstsein zum Ziel hat, wurde der ‚Den Zakhystnyka Vitchyshy‘, der ‚Tag der Verteidiger des Vaterlandes‘, der auf den ‚Tag der Roten Armee‘ zurückgeht und jährlich am 23. Februar in vielen postkommunistischen Ländern gefeiert wird, Ende letzten Jahres von dem neuen Präsidenten Poroschenko durch diesen ‚rein ukrainischen‘ Feiertag ersetzt.

Neugierig darauf, wie dieser unverhoffte arbeitsfreie Tag von der Bevölkerung aufgenommen und wie er politisch genutzt werden wird, kehren wir eine Woche später zurück nach Kiew. Als wir am Vorabend des 14. Oktobers einige Leute auf der Straße darauf ansprechen, wissen manche nicht einmal wovon die Rede ist, während andere emotional werden und vom aktuellen Anlass des Tages sprechen. Die Rede ist auch von einer Parade, die am nächsten Tag gegen Mittag irgendwo in der Stadt stattfinden solle.

Ein unverhoffter Feiertag – wie wird die Bevölkerung reagieren?

Also mache ich mich am nächsten Morgen, dem letzten Tag unserer Reise, auf ins Kyiver Zentrum, um mir einen Eindruck davon zu machen, wie die ukrainische Hauptstadt die Verteidiger des Landes feiert. Natürlich laufe ich direkt zum Khreshatyk, Richtung Maydan, in der Erwartung, eine Veranstaltung, welcher genauen Art auch immer, würde bestimmt auf diesem geschichtsträchtigen Platz stattfinden. Wie an jedem Feiertag und an Wochenenden ist der Hauptprospekt von Kiew für Autos gesperrt und nur für Fussgänger zugänglich. Von einer ausgiebigen Festtagsdekoration des Prospektes, wie ich sie erwartet hatte und man von anderen Anlässen dieser Art kennt, jedoch keine Spur, bis auf die kleinen ukrainischen Flaggen an jeder Straßenlaterne, die auch schon vor zwei Wochen dort hingen. Auch wundere ich mich über die wenigen Menschen auf der breiten temporären Fußgängerzone, es ist zwar herbstlich kühl, aber äußerst sonnig und ein überraschend schöner Tag verglichen mit der Kälte in Dnepropetrovsk.

Die meisten Vorübergehenden wirken etwas verloren, vereinzelt sieht man junge und ältere Männer in Militärkleidung, ein Soldat in Feldmontur steht mit seiner Frau auf dem Bürgersteig, beide gucken sich suchend um. Auf dem Maidan schallen mir patriotische Schlager aus zwei Lautsprechern entgegen, das Pathos verliert sich in der Leere des Platzes. Wie schon bei unserem letzten Besuch befindet sich hier das kleine Protestlager, ausgestattet mit Flaggen und Tranparenten, der Hormadyanskyy Rukh Ukrainy – Bügerbewegung der Ukraine, einer Partei, die aus Vertretern verschiedener zivilgesellschaftlicher Organisationen besteht und sich vor allem gegen Korruption und die politische Einflussnahme der ökonomischen Elite stellen. Auf einer der Fahnen reicht eine Jesusähnliche Gestalt auf hellen Hintergrund in einer ukrainschen Flagge gewandet die Hand dem Teufel, der auf der anderen Bildhälfte zwischen züngelnden Flammen hervorkommt. Dunter steht: „Der grundlegende Widerspruch unserer Zeit – Die Macht in den Händen derer, die etwas leisten oder die Macht in den Händen derer, die sie gekauft haben.“

Um das Unabhängigkeitsdenkmal gereiht, das hoch über alle anderen Denkmäler und Gebäude des Platztes aufragt, werden auf drei Meter hohen Stellwänden Fotos von den Protesten des ‚Euromaidans‘ ausgestellt, die Anfang 2014 zur Flucht Yanukovichs aus dem Präsidentenamt geführt hatten sowie Darstellungen der verschiedenen Freiwilligenbataillone im Kriegseinsatz, die seit dem Beginn der bewaffneten Konflikte in der Ostukraine durch bürgerliche Selbstorganisation ein wesentlicher Bestandteil in der militärischen Verteidigung des Landes waren. In der Mitte auf dem Sockel des Denkmals zwischen den Lautsprechen hängt ein Banner mit den ‚Himmlischen Hundert‘, den Todesopfern der Maidan-Proteste, darunter stehen ein paar Schilder und hängen handgeschriebene Zettel, gerichtet an den ‚Herrn Präsidenten‘, mit der Forderung nach Aufklärung der Ereignisse und Verurteilung der Schuldigen. Etwas abseits der Huldigung der zivilen Helden, zwar auf gleichen Stellwänden, aber doch irgendwie anders, einige Fotos, die der staatlichen Armee gewidmet sind. Auf dem ersten Bild eine Straßenszene: In lebensgroßer Abbildung sieht man einen Soldaten in voller Kampfmontur inklusive Maschinengewehr und Helm, der sich gemütlich mit einem Mann in kurzen Hosen und T-Shirt, der sich an sein Fahrrad lehnt unterhält. „Die Armee schützt, hilft und unterstützt“ ist darunter zu lesen. Auch auf den anderen Bildern sieht man die Soldaten überwiegend im zivilen Einsatz, häufig beim Verteilen von Lebensmitteln etc. an Bewohner der Krisengebiete. Wer die Autoren der Ausstellung sind, bleibt mir unklar, auch ob es verschiedene sind oder alles aus einer Quelle kommt.

Eigentlich auf der Suche nach der versprochenen Parade wende ich mich an zwei Mitarbeiter der neuen ‚Politsiya‘, die mit ihrem Toyota Prius mit Hybridantrieb die Straße absperren. Der Fahrer deutet vom Maydan weg den Hügel nach Osten hinauf: „Sie laufen gerade über den Mikhaylovplatz, der Umzug endet vor der Sophienkathedrale.‘ Mir wird klar, dass ich etwas spät dran bin und laufe gleich die Sofiiska Straße hoch. Unterwegs muss ich die Straßenseite wechseln, der Bürgersteig ist abgesperrt und einige Polizisten stehen etwas ratlos guckend zusammen und sind mit einem nicht erkennbaren Objekt auf dem Boden beschäftigt. Mir wird etwas mulmig angesichts des Anschlags vor dem Kyiver Parlamentsgebäude Ende August, aber sie sind schon wieder am Grinsen, es scheint alles in Ordnung zu sein. Oben auf dem Sophienplatz angekommen blicke ich die breite aber kurze Volodymyr Passage hinüber Richtung Mikhaylovkloster am anderen Ende der Straße. Davor wogt ein blaues Fahnenmeer und Geräuschfetzen vom Rednerpult und der Rufe aus der Menge wehen herüber. Auch hier ist die Straße abgesperrt, diesmal auch für Fußgänger, an zwei Stellen kontrollieren Polizisten der ‚Nationalen Garde‘ die Durchgehenden. Während manche eine komplette Leibesvisitation bekommen, wird ein meiner Tasche nur kurz rumgedrückt, dann kann ich weiter. Ich sehe einen jungen Mann mit Skateboard, der zur Seite genommen wurde und seine gesamte Tasche entleeren muss. Während er untersucht wird, scheint er eine Diskussion mit dem Polizisten zu führen, dabei filmt er mit seinem Telefon den gesamten Vorgang.

Während ich auf die Menschenmenge zugehe, schallen mir die üblichen „Slava Ukrainy, Slava Heroyam“-Rufe entgegen, aber auch die erst im letzten Jahr populärer gewordene Losung „Slava Natsii, Smert Voroham – Ehre der Nation, Tod den Feinden“, begleitet von anhaltendem Glockenläuten. Je näher ich komme, umso deutlicher wird, dass sich hier ein recht einheitliches politisches Lager versammelt hat. Der dichte Fahnenwald unterteilt sich in geordnete Blöcke von Swoboda Anhängern älteren Semesters mit blau-gelben Parteiflaggen und den jüngeren etwas anarchischer wirkenden Gefolgschaft mit den rot-schwarzen Farben der Ultranationlisten des Rechten Sektors. Neben der verbreiteten Feldkleidung sieht man hier auch vereinzelt Veteranen in Uniformen übersät von Militärabzeichen sowie ein paar ältere Herren in Kosakenkleidung. Ein Mensch in Tarnfarben, Putinmaske und Hakenkreuz am Arm läuft in Krücken durch die Menge und lässt sich fotografieren. Am Rand stehen einige alte Leute in ärmlicher Kleidung, vertieft in eine aufgeregte Diskussion. Auf den professionell gedruckten Bannern sieht man vor allem pathetische kriegerische Sprüche und Verehrungen von Kriegshelden, man liest Slogans wie ‚Wir verteidigen unseren von Gott gegeben Boden‘, vereinzelt werden Fotos mit Gesichtern hochgehalten und der Forderungen nach Freilassung aus dem Gefängnis.

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Überwältigt vom Anblick der Menschenmasse: Die Swoboda am „Tag der Verteidiger der Ukraine“

Überwältigt von dem Anblick der Menschenmasse und damit beschäftigt, Plakate und Poster zu entziffern, versäume ich es, den Beiträgen vom Rednerpult mehr Gehör zu schenken. Ich bleibe am Rand und versuche mir einen Überblick zu verschaffen. Dabei stoße ich auf einen kleinen Stand, an dem Interessierte in den angebotenen Büchern blättern. Darunter offentsichtlich überwiegend antisemitische Lektüre, wie zum Beispiel der Titel „Bei wem sich die Juden entschuldigen müssen“. In dessen Beilage der ukrainischen Übersetzung aus dem polnischen Original wird die ‚jüdische Weltverschwörung‘ in Form des Innenministeriums der Sowjetukraine unter anderem für den Holodomor, die verheerende Hungerkatastrophe in der Ukraine Anfang der 30er Jahre und ein Politikum in der ukrainischen Geschichtsschreibung, verantwortlich gemacht.

Als ich mich etwas hilflos umgucke, fällt mir eine junge Frau auf, die mit zwei Freundinnen etwas außerhalb der Menge steht und das erste handgeschriebene Poster, das ich auf dem Platz bis gesehen habe, hochhält: Porokh – Mokryy! Budemo minyaty. Ich spreche sie an und frage sie, was das bedeutet. Sie antwortet in schnellem Ukrainisch und als sie meinen etwas hilflosen Gesichtsausdruck sieht, fragt sie: besser Ukrainisch oder Russisch? Als ich mich für Russisch entscheide ändert sie bereitwillig die Sprache, hat aber offensichtliche Schwierigkeiten, Russisch zu reden und muss ihre Freundinnen immer wieder bei einzelnen Worten zur Hilfe bitten. So richtig verstehe ich trotzdem nicht, es hätte eine doppelte Bedeutung und gemeint sei der Präsident Poroshenko: „Er muss weg!“, dabei macht sie einen demonstrativen Fußtritt. „Und dann?“ frage ich. „Wir brauchen einen nationalistischen Präsidenten, dem unser Land wirklich wichtig ist.“ „Und wer wäre das?“ „Daran arbeiten wir noch, es ist ein Prozess“, sagt sie. Ich frage sie, was für ein besonderer Tag heute ist. „Heute ist der 75. Geburtstags unserer Freiheitsarmee, der UPA.“ „73.“, korrigiert eine ihrer Freundinnen. „Und außerdem ist es der Tag des ukrainischen Kosakentums.“ Erst an dritter Stelle nennt sie auch den neuen offiziellen Namen des Feiertags, den Tag der Verteidiger der Ukraine. „Wir haben hier ein Treffen echter Nationalisten“, erklärt sie weiter, „die einzigen richtigen Parteien in der Ukraine, Svoboda und Praviy Sektor, haben dazu aufgerufen. Wir sind ungeduldig, wir haben auf dem Maidan gekämpft und stehen immer noch hier, aber es hat sich nichts verändert. Deshalb sind wir nicht nur für die Absetzung des Präsidenten, dann kommt ein neuer, der genauso ist. Wir sind für die Änderung des Systems.“ „Und was für ein System wollt ihr?“ „Na, Rechtsstaatlichkeit, keine Korruption und so. Das habt ihr doch auch?!“ Sie guckt etwas verwirrt, als sei die Frage doch eigentlich überflüssig. Da sie weiter sehr schnell spricht und es mir schwer fällt, alle Details zu verstehen, danke ich ihr und verabschiede ich mich. Bevor ich weitergehe, spricht sie noch eine Warnung aus: „Pass auf dich auf, es könnte heute zu Provokationen kommen.“ „Provokationen von wem?“ „Von anti-Nationalisten und der Polizei.“ „Ist die Polizei nicht auf eurer Seite?“ „Nein, die Polizei ist nie auf der Seite des Volkes.“

„Ein Tag echter Nationalisten“

Als ich weitergehe treffe ich auf meine Kommilitoninnen. „Was ist denn hier los“, sagt einer von ihnen, der aus den USA kommt, „da kriegt man ja Gänsehaut, ich fühl mich wie in Berlin in den 30er Jahren.“ Mit einem etwas mulmigen Gefühl beschließen wir gemeinsam, die einzige ausdrückliche Reisewarnung der Deutschen Botschaft, sich unbedingt von Menschenansammlung fernzuhalten, zu ignorieren und dringen etwas tiefer auf den Platz vor. Trotz der offensichtlichen poltischen Homogenität der Veranstaltung erkennen wir jetzt mehr Details, Fahnen verschiedener Parteien, Rechter Gruppierungen und Jugendorganisationen, dazwischen viel Nazi-Symbolik. Das Spektrum der Teilnehmer reicht von ordentlich gekleideten Rentnern zu Jugendlichen in Militäranzügen und Vermummung vorm Gesicht. Mein Kommilitone, Hobbyexperte für Militärgeschichte, stößt mich an: „Siehst du die Typen da vorne? Die tragen Wehrmachtsmützen, allerdings mit dem ukrainischen Dreizack versehen.“

Langsam beginnt die Masse mit dem Abzug Richtung in eine schmalere Straße Richtung Osten. An der Spitze die etwas kleinteiligeren und kämpferischer wirkenden Blöcke von jüngeren Männern und Frauen mit den Rot-Schwarzen Fahnen, nach einer Weile gefolgt von den ordentlichen Svoboda-‚Truppen‘ überwiegend älteren Semesters. Jetzt erst wird uns die große Anzahl der Teilnehmer wirklich bewusst, der Abzug zieht sich über eine viertel Stunde hin. Wir einigen uns auf eine Schätzung von knappen 10000 Menschen. Ein hohes Mobilisierungspotential, trotz des schlechten Abschneidens der rechten Parteien bei den Parlamentswahlen vor einem Jahr.

Neben einem großen Hotelgebäude am Rand des Platzes drücken sich ein Paar Mitarbeiter der ‚Ukrainischen Nationalgarde‘ rum, erst jetzt fällt uns die geringe Polizeipräsenz auf. Wir wenden uns an einen der Polizisten und er erklärt uns, dass sie Teilnehmer des Umzugs nun noch einige Kilometer durch die Stadt ziehen zum Lukianivska Gefängnis, dort wollen sie die Freilassung „ihrer“ Gefangenen fordern. Ich frage ihn, was er von der Veranstaltung hält, er grinst verlegen und sagt, dass er nur seinen Job mache.

Nachdem die letzten blauen Fahnen abgezogen sind, ändert sich die Atmosphäre auf dem Platz grundlegend und es herrscht plötzlich eine fast ausgelassene Sonntagsstimmung mit Familienausflüglern. Zuvor von der Menschenmenge verdeckt, wird jetzt eine über den gesamten Platz verteilte Ausstellung von modernen Kriegsutensilien, Waffen und Militärfahrzeugen sichtbar. Kinder klettern auf Panzern herum und lassen sich fotografieren, an einem Rummelschießstand drängt sich eine Traube von Menschen. Auf Schildern werden die Vorteile der modernsten Kriegstechnik erklärt, ein Soldat, der neben 3 Schaufensterpuppen in Tarnkleidung steht, preist die Vorteile der neusten Generation ukrainischer Militärtextilien an, die schon von mehreren Armeen westlicher Länder für ihre ausgeklügelte Muster und Farbgebung gelobt wurden. Auf meine Nachfrage hin, gibt er zu, dass sie allerdings noch nicht im Einsatz seien.

Die Vorteile neuester Militärbekleidung: Noch nicht im Einsatz

„Das ist alles ein großer Zirkus“, sagt ein junger Mann mit kritischem Gesichtsausdruck, der mit seinem Fahrrad in der Mitte des Platzes steht und den ich danach Frage, was hier gerade passiert. „Die gesamte Technik, die hier ausgestellt ist, gibt es an der Front gar nicht, das ist nur Show.“ Die Armee trage nicht viel in den Konfliktgebieten bei, zum Teil sei sie gar nicht mehr präsent, der meiste Einsatz käme von den Freiwilligentruppen. Er deutet auf einen Mann in Kampfmontur, der neben ihm steht: „Er zum Beispiel kämpft in einem Freiwilligenbataillon, das bis jetzt nicht mal offiziell registriert ist, sie bekommen keinerlei Unterstützung von der Armee.“ Auf die Frage nach dem Anlass des Umzugs sagt er: „Das ist kein Umzug, das ist ein Protestmarsch. Die Regierung hat einen neuen Feiertag erfunden, aber eigentlich ist es der Tag der Kosaken und der Tag der Ukrainischen Aufständischen Armee, der UPA. Also eben nicht der staatlichen Armee, sondern der, wie soll man sagen? Volksarmee. Poroshenko hat sich den Tag einfach angeeignet und daraus den Tag der Verteidiger der Ukraine gemacht, um den Verdienst für die Kampferfolge im Osten einzusacken.“ Nachdem wir eine Weile geredet haben, frage ich ihn noch, ob er selbst auch gekämpft habe. Er schüttelt den Kopf: „Nein, nicht an der Front. Aber hier in Kyiv ist auch Krieg, es gibt fast jeden Tag Proteste. Dabei geht es aktuell zum Beispiel um das kriminelle Baugewerbe und um die Abholzung und Zerstörung des Grüns in der Stadt.“

Früh übt sich: Spielende Kinder auf einem Panzer

Nachdem wir uns in einer zweistöckigen Touristenkneipe am Kreshatyk bei einer warmen Suppe ein wenig von den Eindrücken erholt haben, entschließen wir uns doch noch mit der Metro dem Marsch hinterherzufahren und uns die Situation am Lukyanivky Gefängnis, dem Ziel der Menge, anzugucken. Als wir ankommen ist jedoch schon alles vorbei. An einer Bushaltestelle sehen wir noch ein paar Uniformierte mit ‚Pavij Sektor‘-Aufnähern am Arm und vor dem Gefängnis stehen mehrere vollbesetzte Reisebusse der Nationalen Garde und einige riesige Militärlastwagen, die sich gerade zur Abfahrt bereit machen.

Von unserer Entdeckungstour noch nicht müde kehren wir noch einmal zum Sofiyska Platz zurück, wo wir einige Stunden zuvor beim Vorbeigehen schon eine riesige Bühne gesehen hatten. Als wir ankommen, ist das Konzert schon voll im Gange. Unter dem Titel ‚Rok-Viysko‘ (Rock-Armee) treten hier zur Feier des Tages bekannte ukrainische Popbands und Sänger auf, finanziert vom ukrainischen Kulturministerium, wie ich später nachlese. Es wird schon langsam dunkel und die Temperatur sinkt spürbar, vielleicht der Grund dafür, dass der Platz bei weitem nicht so gut gefüllt ist, wie einige Stunden zuvor noch der gegenüberliegende Mikhaylovsky Platz. Das Publikum folgt zurückhaltend, aber aufmerksam und wohlwollend dem Entertainment-Programm auf der Bühne. Keine Spur von Flaggen, Symbolen und Transparenten, nicht mal die Bühne ist mit den Nationalfarben ausgestattet, wie man es erwarten könnte. Auf den ersten Blick ein ganz normales Konzert also. Beim genaueren Hinsehen aber zeigt sich auch hier die emotionale und politische Aufladung der Situation. Die Sängerin auf der Bühne stimmt ein Lied an, das sie für die „jungen Männer im Kampf für das Vaterland“ geschrieben hat und das Publikum wird sehr still. Danach plötzlich ein paar kreischende Frauenstimmen aus dem Publikum als ein junger Mann in Schirmmütze und Parka die Bühne betritt, der Sänger der Gruppe ‚Tartak‘, wie sich herausstellt. Doch er zeigt sich gar nicht in Popstar-Pose, sondern wirkt nachdenklich und nutzt die Gelegenheit, zwei Freunden von ihm, die im aktuellen Konflikt gestorben sind, zu gedenken. In einer kurzen Rede verweist auch er auf die historische Dimension des Tages, spricht von den Kosaken und der UPA und beschreibt wie sich der Kampf um die ukrainische Unabhängigkeit über die Generationen hinweg gezogen hat und in der heutigen Situation wieder neue Aktualität erlangt. Sein nächster Song ist den Helden der UPA gewidmet. Während des Liedes laufen auf dem Bühnenbildschirm hinter der Band Schwarz-Weiß-Fotos von Mitgliedern der Ukrainischen Aufstandsarmee aus dem zweiten Weltkrieg entlang und Schaubilder mit Pfeilen, die einen direkten Zusammenhang zwischen den nationalistischen Bestrebungen der 30er und 40er Jahre mit der Unabhängigkeitsbewegung von 1991 herstellen. Popmuskalischer Geschichtsunterricht zur Bildung von jungen Patrioten.

Langsam wird es uns kalt und während der Moderator wieder übernimmt und die Wartezeit auf die nächste Band ‚Kozak System‘ dafür nutzt, kein gutes Haar an Putin und seinen Verbündeten zu lassen, ohne dabei aber aggressiv oder besonders emotional zu werden, sondern in der unterhaltenden Art eines Unterhalters eben, beschließen wir uns zu unserem letzten Termin für heute aufzumachen, der uns deutliches Kontrastprogramm verspricht: die Kyiver Fashion Week. Auf dem Weg zur Metro dreht sich an der Ampel ein kleines Mädchen, das vor uns steht an der Hand ihrer Mutter, zu uns um und ruft mit einem verspielten Lächeln auf Russisch: „Z dnyom zashistnyka.“ Offensichtlich hat die Ukraine einen neuen Feiertag. Aber was er genau bedeutet und von welchen gesellschaftlichen Kräften er wozu genutzt wird, das muss sich in den nächsten Jahren noch zeigen.

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