Portrait: Olga Guz, 34 Jahre alt Odessa statt Mount Everest

von Nastasja Ilgenstein, Thomas Rettig, Moses Fendel

Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte Olga Guz im Jahr 2015 Geschichte geschrieben. Als erste Ukrainerin wollte die heute 34-Jährige den Mount Everest besteigen. Der Plan stand fest. Die Vorbereitungen waren konkret. Damals, im Konjunktiv der alten Ukraine 2013.

Heute, im Indikativ der ukrainischen Realität des Jahres 2015, ist alles anders. Die Gipfel-Träume sind geplatzt. Das Land ist ein anderes. Und auch im Leben von Olga Guz ist nichts mehr so wie es war. Im Sommer 2014 musste sie vor dem Krieg aus ihrer Heimatstadt Donezk nach Odessa fliehen. Die Situation in der von prorussischen Separatisten eroberten und umkämpften Stadt in der Ostukraine war zu gefährlich geworden. Olga war hochschwanger und wollte ihren Sohn an einem sicheren Ort zur Welt bringen. Wie viele der aus den umkämpften Regionen Geflüchteten dachte sie damals noch, dass sie schon bald in ihre Heimat zurückkehren würde. Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Stattdessen musste Olga komplett neu anfangen.

Olgas Sohn – hier nicht im Bild: Tochter Polina

Auf den ersten Blick wirkt die zierliche 34-Jährige zurückhaltend, doch im Gespräch merkt man schnell, wie viel Energie in dieser Frau steckt. Die erste Zeit in der neuen Umgebung war beschwerlich. Neben dem Heimweh und dem Verlust des bisherigen Lebens machte der alleinerziehenden Mutter vor allem die materielle Unsicherheit zu schaffen. Im Gegensatz zu anderen Geflüchteten hatte Olga aber auch Glück. Durch ihre langjährige Arbeit als Bergführerin und Klettertrainerin hatte sie schon Bekannte in Odessa, die ihr halfen, einen Job als Klettertrainerin zu finden. Das Klettern half ihr also in mehrfacher Hinsicht beim Überleben und Weiterleben nach der Flucht.

„Klettern“, so sagt sie, „hat immer auch eine soziale und therapeutische Dimension“. Nachdem sie ihr Kind zur Welt gebracht und die Zeit des Mutterschutzes hinter sich gelassen hatte, verbrachte sie den ganzen Sommer im Kletterpark, die beiden Kinder immer dabei. Hier bietet sie unter anderem Kurse für andere Geflüchtete und sozial Benachteiligte an. Ein wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit besteht zudem darin, Menschen, die im Krieg verwundet wurden und nun mit einer Behinderung leben müssen durch den Klettersport neue Perspektiven und Lebensfreude zu vermitteln. Auch eine posttraumatische Therapie für Flüchtlingskinder gehört zu ihrer Interpretation des Berufs dazu.

„Klettern ist Überlebenssport“, sagt sie. Ein Überlebensport, der ihr half in Odessa eine neue Berufung zu finden. So zynisch es klingen mag: der Krieg in der Ostukraine eröffnete ihr auch neue Chancen, die sie wie manch andere im Flüchtlingsprojekt „Novy vidlik“(LINK) zu nutzen bereit war.

Anstelle des Mount Everest nimmt ein anderer Traum Olgas so scharfe Konturen an wie nie zuvor: der Traum einer hochmodernen Kletterhalle in der Ukraine. Olgas Ziel ist es, dort Freizeit- und professionelles Klettern zu verbinden. Mit Unterstützung der Initiative Novy Vidlik arbeitet sie daran, diesen Traum Wirklichkeit werden zu lassen.

Ob das Projekt eine Erfolgsgeschichte wird, ist ungewiss. Der Weg ist noch weit. Einen Ort, an dem die neue Halle entstehen soll, hat Olga aber bereits gefunden. Zudem kann sie auf Freunde und freiwillige Helfer zählen. Trotzdem sind noch viele administrative Hürden zu nehmen. Auch die Finanzierung steht noch in den Sternen, denn die Projektfördermittel der Flüchtlingsinitiative decken nur einen Bruchteil der Kosten. Olga Guz ist trotzdem fest entschlossen, sich von ihrem Weg nicht abbringen zu lassen.

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