Flüchtlingshilfe in Odessa

von Sarah Haupenthal und Christian Hörbelt

„Als ich das letzte mal nach Hause kam, war mein Zimmer fast leer, meine Mutter hat alle meine Sachen weggegeben. Die Flüchtlinge kommen oft ohne Gepäch in Bademänteln und Pantoffeln bei uns am Bahnhof oder mit Bussen an, und der Staat unterstützt sie nicht. Deshalb müssen wir das machen.“ Das erzählt mir eine Freundin aus Charkiw bei einer Zigarette auf dem Balkon ihrer Wohnung in Lviv, wo sie seit seit mehreren Jahren lebt und arbeitet. Und sie ist nicht die einzige, wo man auch hinkommt und mit wem man auch redet, das Thema der ukrainischen Binnenflüchtlinge beschäftigt viele, und regt sie zum Handeln an. Ob Ivano-Frankivsk, Kiev oder Dnipropetrovsk, überall werden Menschen, für die soziales Engagement noch vor Kurzem oft nicht mehr als ein guter Vorsatz war, aktiv, um den aus den Kampfgebieten im Osten der Ukraine um Donezk und Luhansk Geflohenen zu ermöglichen, in anderen Orten des Landes unterzukommen.

Die Zahlen schwanken zwischen ein und zwei Millionen Menschen, die seit Beginn der bewaffneten Konflikte Anfang 2014 ihre Heimat verlassen mussten, aus Flucht vor Kampfhandlungen, der schwierigen Lebensituation und manchmal auch Repressionen. Der Großteil von ihnen rechnete mit einem kurzen Aufenthalt an ihren Zufluchtsorten, aber für viele sind aus ein paar Wochen mehr als ein Jahr geworden. Ihr Alltag bewegt sich nun zwischen der Hoffnung auf baldige Rückkehr und der Notwendigkeit, sich in ihrer neuen Lebensumgebung einzurichten, dauerhaften Wohnraum und Arbeit zu finden. Dabei stoßen sie oft auf Widerstände, Vorurteile gegen die „Ostler“ und ihre unklare Perspektive machen sie häufig zu weniger beliebten Mietern oder Arbeitnehmern. Die staatliche Unterstützung ist gering und mit vielen bürokratischen Hürden verbunden. Deshalb fühlen sich große Teile der ukrainischen Bevölkerung aufgefordert, den Opfern der Konflikts selbst zu helfen. Lebensmittel und Sachmittel werden in großem Umfang gespendet, Flüchtlingsinitiativen gegründet.

So auch in Odessa, wo unsere Exkursionsgruppe von der Viadrina die Möglichkeit hat, mit Engagierten ins Gespräch zu kommen. Von außen wirkt das Bürogebäude in der Griechischen Straße in Odessa, in dem die Flüchtlingsinitiative ihren Sitz hat, unspektakulär. Wer an diesem kühlen Oktobermorgen die lichtdurchflutete Zentrale von „Impact Hub“ im zweiten Stock betritt, wird überrascht. Der Co-Working-Space könnte genauso gut in Berlin-Kreuzberg sein. Es duftet nach Kaffee und veganen Kürbismuffins. Gleich neben dem Eingang eine Pinnwand mit Fotos von bekannten Persönlichkeiten, die die Initiative besucht haben. Darunter der Gouverneur der Region Odessa, Michail Saakashvili und die Schriftsteller Serhij Zhadan und Juri Andruchowytsch. Auch die Grünen-Politikerin Marieluise Beck ist darunter. Drinnen herrscht an diesem Donnerstagmorgen rege Betriebsamkeit. Überwiegend junge Menschen stehen in Grüppchen über den Raum verteilt zusammen oder sitzen an den Schreibtischen, telefonieren und schreiben Mails. Es läuft die entscheidende Phase des Projekts „Novyj vidlik“, einer Initiative gefördert mit Mitteln der amerikanisch-ungarischen Soros-Stiftung, die die Bürgerkriegsflüchtlingen aus der Ostukraine bei der Gründung einer neuen wirtschaftlichen Existenz begleitet. Von den Rund 160 Bewerbern wurden 42 ausgewählt, die bei der Verwirklichung ihrer Ideen für eine Unternehmensgründung nicht nur durch finanzielle Hilfe unterstützt werden. „Wir beraten und bilden aus. Wir bringen den Teilnehmenden von Buchführung bis Marketing alles bei“. So vielfältig die einzelnen Schicksale sind, sind auch die Geschäftsideen: Ob Juwelier-Geschäft, Kletterhalle oder Taxi-Service für Invaliden – die Flüchtlinge nutzen die Krise und werfen neue Chancen auf. Aber: „Es gibt nicht nur Success Stories für Geflüchtete. Viele finden nicht so leicht eine neue Arbeit. Wir stehen vor großen Herausforderungen.“

Auch einige Betroffene selbst sind anwesend, um ihre Geschichten mit uns zu teilen. In den folgenden Blogeinträgen laden wir unsere Leser ein, sie kennen zu lernen.

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