Dossier: Dnipropetrowsk

von Jonas Eichhorn

Im Morgengrauen fährt unser Zug am Dnipropetrowsker Bahnhof ein. Noch verschlafen von der letzten Nacht im ruckelnden Schlafwagen steigen wir in eine Marschrutka ein und fahren über breite Prospekte, die nach Karl Marx oder Klara Zetkin benannt sind; vorbei an einem Denkmal für Grigorij Petrowskij – kommunistischer Berufsrevolutionär und Namensgeber der Stadt – und riesigen sowjetischen Raketen, die im Zentrum der Stadt ausgestellt sind. Unser Hotel befindet sich in einem grauen Plattenbau. Die Zimmer erinnern an Zeiten, in denen die Ukraine noch USSR genannt wurde und die Dame an der Rezeption begrüßt uns mit einem unwilligen Schnauben – sie wirkt nicht unbedingt so, als würde sie sich über Gäste in ihrem Hotel freuen.

Gedämpfte Freundlichkeit und rustikaler Charme im Hotel „Sverdlowsk“

Doch dieses erste Bild einer Stadt, das an sowjetische Zeiten erinnert, täuscht: Nach der Annexion der Krim durch Russland war die Stadt plötzlich übersät von ukrainischen Flaggen und Symbolen. Viele Bürger zeigten, dass sie zur Ukraine gehören wollten. Proukrainische Aktivisten organisierten sich effizienter als die Befürworter einer engeren Anbindung der Stadt an Russland. Hinzu kam das Engagement von Ihor Kolomojski – Oligarch, Besitzer der Bankengruppe „Priwat“, und nach dem Amtsantritt des derzeitigen ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenkos 2014 für ca. ein Jahr Gouverneur des Gebiets Dnipropetrowsk. Durch seine klare proukrainische Haltung und seine finanziellen sowie politischen Einflussmöglichkeiten in der Region konnte die drohende Gefahr der Sezession von der Ukraine im Voraus im Voraus gebannt werden. Gleichzeitig profitierten Kolomojski und sein Firmenimperium von seiner Politik als Gouverneur. Da er es mit seinen zwielichtigen Geschäftspraktiken zu weit trieb, musste er im Frühjahr dieses Jahres zurücktreten.

 

In Dnipropetrowsk ist die Macht einiger weniger oligarchischer Clans besonders ausgeprägt. Neben Kolomojski ist noch Alexandr Wilkul zu nennen, der dem ortsansässigen Metalurgiekonzern „Metinwest“ vorsteht. Diese oligarchischen Strukturen begünstigen Korruption und Schattenwirtschaft und sind tief in der Gesellschaft der Stadt verankert.

Neben den mächtigen Oligarchen gibt es in der Stadt verhältnismäßig viele reiche Menschen. Solch einen Eindruck kann man jedenfalls bei den vielen überdimensionalen und teuren Geländewagen bekommen, die die Straßen verstopfen.

Im Vergleich zu den teuren Autos der wohlhabenden Geschäftsmänner und –frauen ist die öffentliche Infrastruktur schlecht ausgebaut: Die Straßen sind in verbesserungswürdigem Zustand, die Metro kaum ausgebaut und der Straßenbahnfuhrpark besteht zum großen Teil aus in Deutschland ausgemusterten Fahrzeugen. Der private Sektor ist offenbar erheblich reicher als der öffentliche.

Ausgemusterte Berliner Straßenbahn in Dnipropetrowsk – Marode öffentliche Infrastruktur

Wegen der hier ansässigen strategisch wichtigen Betriebe spielte Dnipropetrowsk in der Sowjetunion eine wichtige Rolle. Auch war die Stadt am Dnipro die Heimatstadt von Leonid Brezhnev. Die Verbindung Moskau-Dnipropetrowsk war eng, weswegen man der Stadt auch eine sehr prorussische Prägung nachsagte. Für einige Jahre im 19. Jahrhundert hieß die Stadt sogar „Nowomoskowsk“, das „neue Moskau“. Bis in die 1990er-Jahre hinein war Dnipropetrowsk eine so genannte geschlossene Stadt, hier wurden Raketen entwickelt und produziert. Das große Rüstungswerk Juzhmash, einst der Stolz der Stadt, steht heute allerdings vor existentiellen Problemen: der Großkunde Russland ist seit dem Beginn der „Ukrainekrise“ weggefallen. Jetzt stehen die Maschinen an vielen Tagen still und die Gehälter schwinden. Die schwierige ökonomische Situation sowie eine wachsende Unzufriedenheit mit der Kiewer Poroshenko-Regierung sind Gründe, weswegen die bisher verhältnismäßig stabile politische Stimmung in der Stadt kippen könnte. Auch werden durch das Assoziierungs- und Freihandelsabkommen mit der EU Reformen in Dnipropetrowsk durchgeführt werden müssen, die sich nicht mit bisherigen oligarchische Strukturen vertragen. Das wird den regionalen Eliten nicht zusagen. Ob es gelingt, sie trotzdem weiterhin von einem proeuropäischen Kurs der Ukraine zu überzeugen, bleibt fraglich. Eine erste Tendenz wird man nach den Kommunalwahlen, die Ende Oktober stattfinden werden, feststellen können. Trotz aller Schwierigkeiten und Unsicherheiten hinsichtlich der zukünftigen politischen Stimmung in der Stadt widerlegt Dnipropetrowsk durch sein bisheriges klares Bekenntnis zur Ukraine das Vorurteil, dass eine russisch geprägte Stadt nicht zu einer souveränen Ukraine nach dem Euromaidan gehören möchte.

Ein Gedanke zu “Dossier: Dnipropetrowsk

  1. Pingback: Der Ukraine-Konflikt – ein Generationskonflikt? | viadrina goes ukraine

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s