Im Niemandsland der Erinnerung: auf dem Kulikowo Pole in Odessa

Der 2. Mai 2014 gehört zu den wichtigsten Erinnerungsorten dessen, was vereinfachend „Ukraine-Konflikt“ genannt wird. Im Vorfeld eines Fußballspiels zwischen „Metallist“ aus Charkiw und „Tschernomorets“ Odessa kam es in der Innenstadt zu Auseinandersetzungen, die sich gewaltsam aufschaukelten und während des Nachmittags zu insgesamt sechs Todesopfern führten. Die Auseinandersetzungen verlagerten sich am Abend auf den Platz vor dem Gewerkschaftshaus. Dort eskalierte die Gewalt weiter. Anhänger des sogenannten „Anti-Maidan“ verbarrikadierten sich im Gebäude. Wohl durch einen der vielen (von beiden Seiten) geworfenen Molotow-Cocktails geriet das Haus in Brand. 48 Personen starben und hinterließen den Angehörigen, der Stadt und dem Land einen Ort traumatischen Gedenkens. 

Unsere Gruppe nähert sich dem Ereignis zunächst in einem Gespräch mit der Journalistin Karina Beygelzimer und Andrea Meyer, Leiterin der Zen­tral­stel­le für das Aus­lands­schul­we­sen (ZfA) in Odessa. Es geht allgemein um die gegenwärtige politische Entwicklung in Odessa, seit jeher eine der schillerndsten Städte Russlands, der Sowjetunion oder nun der Ukraine. Schnell jedoch wendet sich das Interesse dem 2. Mai zu. Auf die naheliegende Frage „Whodunit?“ gibt es keine eindeutige Antwort. Einen glaubhaften Bericht liefert die in Brüssel ansässige NGO „Human Rights Without Frontiers International“ (http://www.hrwf.net/images/reports/2014/2014Odessa.pdf). Auch der einschlägige Wikipedia-Eintrag enthält viele glaubhafte Belege (https://en.wikipedia.org/wiki/2014_Odessa_clashes). Die Informationen, die wir von der Augenzeugin Karina Beygelzimer erhalten, weichen von beiden Quellen allerdings in Teilen ab. Sie beruft sich auf Untersuchungen einer – im Internet offenbar nicht präsenten – überparteilichen „Gruppe 2. Mai“. Deren wohl wichtigstes Ergebnis lautet, dass die Auseinandersetzungen nicht von langer Hand geplant waren, sondern aus der Situation heraus eskalierten. Die Prozesse gegen die vermeintlich Schuldigen gelten als von der Justiz verschleppt.

Wie erinnert sich eine Stadt, die aus über 100 Nationalitäten besteht, an ein solches Ereignis? Wie wir in der Stadt hören, richtet sich das Gedenken auf den zwei Seiten des Grabens ein, den der Euromaidan und später der Krieg im Donbass gerissen haben.  Der Blutzoll, der in Kiew und auch in Odessa entrichtet wurde, teilt ehemals geeinte Familien und Freundeskreise. Und dennoch: Während vor einem Jahr noch der Patriotismus à la „Fuck off Putin“ dominierte, finden wir im Oktober 2015 in Kiew und erst Recht in Odessa nachdenklichere Töne. Auch das neue Regime schwelgt, so heißt es vielerorts, in den alten Praktiken von Korruption und Intransparenz.

Weil wir zu diesen privaten Erinnerungs- und Diskussionsräumen keinen Zugang haben, entschließen wir uns zu einem Besuch der Brandruine. Sie befindet sich auf dem Kulikowo Pole, dem Kulikow-Platz. Bereits der Name ist ein Schlachtfeld. Viele ältere Bewohner Odessas werden mit ihm den „Marschall“ sowie „Helden“ der Sowjetunion Wiktor Kulikow verbinden – einen Kriegshelden des Großen Vaterländischen Krieges, der in den 1970erJahren als Generalstabschef der Roten Armee diente. Im historischen Gedächtnis verankert ist unter dem Begriff „Kulikowo Pole“ aber auch die Schlacht slawischer Truppen gegen die Mongolen, die im Jahr 1380 stattfand und die Wehrhaftigkeit Russlands symbolisiert. Auf diesem Weiten Feld in der Nähe des Hauptbahnhofs hatten also im April und Mai 2014 Anhänger des sogenannten Anti-Maidan ein Zeltlager errichtet. Hierhin marschierten am 2. Mai 2014 die Fußballfans und zweifellos auch der berüchtigte „Rechte Sektor“, um Rache zu nehmen für die Toten in der Innenstadt.

Welches Gedenken ist hier berechtigt, wenn es um die 50 Toten geht? Welcher der gegensätzlichen Erinnerungen dürfen Stadt und Staat Raum geben? Sollte die Trauer beider Seiten öffentlich gewürdigt werden. Auf der einen Seite jener des Anti-Maidan, welchem das Empfinden zuzusprechen ist, den Mythos Russlands als Bollwerk gegen die Barbarei verteidigen zu müssen? Auf der anderen Seite jener der ukrainischen Nationalisten, die ein von eben jenem Mythos bedrängtes Volk repräsentieren? Die zugleich einer modernen Form der Barbarei huldigen, der Bewaffnung mit Baseballschlägern, Wodkaflaschen und Schlimmerem?

Ukraine-Exkursion Odessa Kulikowo Pole gedreht

Das Kulikowo Pole präsentiert sich frei und geräumig. Die tiefe und kalte Sonne verschattet den Platz vor dem Gewerkschaftshaus in ein unheimlich blaues Licht. Am Rand des Feldes, dort, wo sich die letzten Sonnenstrahlen verlieren, sehen wir ein Kind, das seinen Roller über den brüchigen Asphalt lenkt. Vor einem blaugelben Zaun eine Handvoll Blumensträuße und erloschene Friedhofskerzen. Eine handgeschriebene russische Aufschrift „2. Mai, wir erinnern uns“. Ein hellblauer Plüschelefant mit rosa Pfoten am oberen Rand der Absperrung. Zur Linken steht ein großer Nadelbaum, der auf halber Höhe abgeknickt ist. Einige Fenster des Gebäudes, aber durchaus nicht alle, sind zersprungen. Der Absperrzaun ist an vielen Stellen verbeult. An den spärlichen Bäumen hängen einige schwarz-weiße Erinnerungsbänder.

Exkursion Ukraine Gewerkschaftshaus Fenster

Das einzige Insignium, das sich als öffentliche Stellungnahme lesen lässt, stellt die ukrainische Fahne dar. Eine weht auf dem Dach des Hauses und fängt das letzte Sonnenlicht ein. Die andere hängt, auf Halbmast gesetzt, etwa fünfzehn Meter vor dem nun versiegelten Eingang in das Gebäude. Wer will, kann hier die geteilte Erinnerung entdecken. Ein Teil der Blumen in größtmöglicher Nähe zu jenem Ort, an dem die Menschen bei lebendigem Leibe verbrannten. Eine andere umrankt den Fahnenmast. Der Blick nach oben enthüllt eine ausgefranste und durchlöcherte Flagge.

Ein älterer Mann mit grauer Rentnerjacke, der uns schon seit einiger Zeit beobachtet hat, nähert sich. Ihn interessieren die Innostranzyj: „was macht ihr hier“? Nicht lange, und er erzählt, dass eine seiner Nachbarinnen zu den Opfern des 2. Mai gehört. Ihr Vater war Polizist und gehörte jener Befehlskette an, die den Marsch des Mobs auf das Gewerkschaftshaus nicht verhindern wollte. „Welch eine Tragödie, nicht wahr? Gedenken Sie der Toten, aber kommen Sie im Sommer wieder, wenn es am Strand wieder warm ist. Odessa, so eine schöne Stadt“. So spricht der Rentner, verabschiedet sich und lässt uns auf dem Kulikowo Pole zurück.

 

Ein Gedanke zu “Im Niemandsland der Erinnerung: auf dem Kulikowo Pole in Odessa

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