Dossier: Odessa

Die zweite Stadt unserer Rundreise wird Odessa sein. Die Hafenstadt wurde 1794 auf Geheiß Katharina der Großen als Küstenfestung am Schwarzen Meer angelegt. Die Kultur vor Ort ist geprägt durch ukrainische, russische, jüdische, deutsche, rumänische und moldawische Einflüsse. Den Charme des schachbrettartigen Stadtbildes machen Altbauten mit großen Balkons, Türmchen, Hinterhofgärtchen und klassizistischen Fassaden aus. Dazwischen mischen sich immer öfter Hochhäuser finanzstarker Investoren, während die alte Architektur, vor allem in den äußeren Lagen, zerfällt. Zu den Sehenswürdigkeiten zählen die Oper, die potemkinsche Treppe oder der Stadtgarten.

Die Oper ist eine von Odessas zahlreichen Sehenswürdigkeiten

Bis heute besitzt die Stadt einen bedeutenden Hafen, in dem laut Marco Polo-Reiseführer 250 000 Container verladen werden. Dieser gehört einer Tochterfirma des Hamburger Hafens. 2013 trafen fast 100 000 Touristen über diesen ein. Die Furcht vor dem Krieg verschreckte viele von ihnen 2014. Andererseits konnte der Hafen seinen eigenen Umschlag durch den Verlust der Krim steigern, da nun der gesamte Warenstrom aus dem schwarzen Meer über den Raum Odessa läuft. Er besitzt Terminals für Öl, Getreide, Container und eine Werft. Jobs im Hafen sind bei einem Monatslohn von umgerechnet 500 Euro begehrt.

Gegen einen leichten Aufpreis geht es schneller: Der Hafen von Odessa

Allerdings gilt es als Problem, dass der Zoll im Hafen für eine schnellere Bearbeitung Schmiergelder annimmt. Die berüchtigte städtische Korruption verhinderte bisher die vollständige Ausnutzung der jüngsten wirtschaftlichen Vorteile. Seit 2014 möchte die neue Oblast-Verwaltung des früheren Staatspräsidenten Georgiens, Micheil Saakaschwili, dagegen vorgehen. Dabei konkurriert eine von ihm neu gegründete Polizei mit der Miliz des Odessaer Bürgermeisters Gennadi Truchanow, dem Verbindungen zur lokalen Mafia nachgesagt werden. Mit einem möglichen Erfolg Saakaschwilis verbinden sich auch Hoffnungen auf eine Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Lage der Stadt. Andernfalls drohen mögliche soziale Unruhen.

Allerdings wurde die Maidan-Revolution in Odessa nicht in dem Maße unterstützt wie beispielsweise in Kiew oder Lwiw. Bereits im März 2014 hatten Tausende für eine Föderalisierung der Ukraine demonstriert. Am 2. Mai kam es zu einer heftigen Straßenschlacht zwischen Fußballfans und Anhängern des Maidan auf der einen, mit prorussischen Aktivisten und Gegnern des Maidan auf der anderen Seite. Letztere hatten vor dem örtlichen Gewerkschaftshaus ein Zeltlager errichtet. Als zwei Fußballfans von unbekannten Heckenschützen getötet wurden, eskalierte die Situation. Die Demonstranten attackierten sich gegenseitig mit Knüppeln und Molotow-Cocktails. Das Haus, in das sich Pro-Russen und Maidan-Gegner zurückgezogen hatten, fing durch Brandsätze Feuer. In dessen Verlauf und der anschließenden Stürmung es Hauses durch Mitglieder des Rechten Sektors starben über 40 Menschen. Die Umstände sind bis heute nicht geklärt. Laut Augenzeugenberichten griffen Polizei und Feuerwehr nicht ein, auch dann nicht, als Menschen aus den Fenstern sprangen und vor dem Haus attackiert wurden. Das UN-Menschenrechtsbüro verurteilte im Juni 2014 die mangelnde Kooperation der Behörden bei der Aufklärung des Geschehens.

Noch immer nicht aufgeklärt: Der Brand im Gewerkschaftshaus von Odessa

An dieser Stelle scheiden sich die Geister: Nicht wenige unterstellen, dass auf diese Art und Weise geplant die politische Opposition zum Maidan eingeschüchtert werden sollte. Die Gruppe 2. Mai, bestehend aus Anhängern beider politischer Fraktionen, kam hingegen bei einer eigenen Untersuchung zu dem vorläufigen Schluss, die Situation sei aufgrund der Unfähigkeit und Korruption der lokalen Behörden eskaliert, die nicht eingriffen, als sich die extrem aggressive Stimmung in der von den Ereignissen vollkommen überraschten Stadt entlud.

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