Bei Ljudmila, der Dame aus Doneck

Kurze Erzählung über Stereotype, ein nächtliches Zerwürfnis und unseren Abschied aus Lviv

Das Hostel in Lviv – eine Vier-Zimmer-Wohnung in einem großzügigen Altbau – war bei unserer Ankunft übervoll. Es waren da: ein langer und wortkarger Lviver Junge – nennen wir ihn Danylo –, der am Empfang saß, seine drei Freunde, ein polnischer Gast mit Bart, eine ältere, beleibte Frau, die ich gleich „Ljudmila“ taufte, und eine jüngere blonde Dame, die sich bei unserer Ankunft (wir kamen duschdürstig aus dem überhitzten Nachtzug) zwanzig Minuten im Bad die Haare föhnte. Sofort rankten Gerüchte: Der Frau verpassten wir einen Namen, Ljudmila, und erklärten sie zur Mutter – oder Schwiegermutter Danylos. Die Blondine – seine Freundin. Die anderen Jungs – seine Spielgefährten, vom Sandkasten zur Spielkonsole.

Etwas missmutig und atemlos bezogen wir das dritte Achterzimmer in Folge. Die Küche und das Wohnzimmer, schien uns, waren von Danylos Großfamilie besetzt, die hier gemütlich kochten, während wir uns in das mit Betten vollgestellte Zimmer drängeln mussten. Hier berieten wir die Lage: Hatte der deutsche Hostelbesitzer uns wohl reingelegt und das Hostel nicht nur uns versprochen, sondern auch noch der besagten Großfamilie? Schon in Kiew war das Hostel desselben Deutschen Treffpunkt verschiedenster Gäste gewesen. Bald schon murrten wir über so viel Gastfreundschaft. Wir wollten doch als Gruppe gemütlich zusammen sein und dabei arbeiten arbeiten arbeiten. Ab und zu probierten wir doch ein Lächeln und eine interessierte Frage an die Gäste, denn – wer will schon deutsche Langeweile verbreiten? Und doch blieben wir bierernst – was macht bloß diese Ljudmila hier? Noch missmutiger wurden wir, als wir mit russischem Gezeter vom Sofa vertrieben wurden. Wohin gehen, wenn in der Küche und im Wohnzimmer vier Jungs, mit Smartphones bewaffnet, sitzen und selbst miteinander nicht reden?

Wir fragen die Jungs, wie lange sie noch gedenken zu bleiben. Der erste: „Die nächsten drei nächte auf jeden Fall.“ Der zweite: „Ich bin schon seit drei Monaten hier, werde wohl länger bleiben.“ Der dritte: „Ich weiß noch nicht, aber diese Woche bestimmt.“ Der erste: „Ich werde auf dem Sofa schlafen.“ Der zweite: „Ich werde auf dem Sofa schlafen.“ Der dritte: „Ich werde auf dem Sofa schlafen.“ So viel Gäste auf dem Sofa im Wohnzimmer – es wird uns angst und bange bei so viel Enge. Ljudmila und Blondine sind ausgegangen – ob sie wohl wiederkommen? Danylo und seine Freunde sprechen kaum.

Wir sitzen nachts auf dem Sofa und fühlen uns immer noch bedrängt. Wir erklären dem polnischen Gast, der etwas gesprächiger ist und aus Lublin kommt, dass er hier schon noch eine Nacht hier schlafen könne, aber dann aber dann aber dann brauchen wir, endlich!, mal ein bisschen Ruhe. Nun versuche ich es, des Ukrainischen leider nicht mächtig, auf Russisch. Wir erklären Danylos Freunden, dass es so nicht weitergehe, wenigstens morgen bräuchten wir die Wohnung für uns. Die Jungs sind freundlich und loben meine Russischkenntnisse. Dann erhebt sich ukrainisches Gemurmel. Auf einmal packen die Jungs ihre Taschen und stehen schon an der Tür.

Auch Ljudmila ist auf einmal wieder da, ohne Blondine. Sie steht da, mit ihren Siebensachen. Sie schimpft laut auf Russisch: „In der Ukraine macht man sowas nicht. Menschen mitten in der Nacht auf die Straße zu setzen“. Sie ist laut und gereizt. Das „vygonili“, Hinausjagen, sitzt mir im Ohr – wir haben sie doch nicht hinausgejagt! Ich rufe – „wir verstehen Russisch!“ Ljudmila schimpft weiter und wird immer lauter. Die Jungs winken ab und lassen sie gehen. Maks, Danylos Freund, der mir auf russisches Gestammel ukrainisch antwortet, sagt: „Ta straschna pani,“ diese schreckliche Frau, sei schon seit zwei Monaten hier. Sie sei aus Doneck geflüchtet. Was? Wir sind schockiert. Er betont: schon seit zwei Monaten sitzt sie ihnen auf der Pelle. Werden sie was finden? Jaja. Wo ist die Frau? Der Lubliner erzählt: Sie war aufgelöst. Das habe sie an „die Russen“ erinnert, die sie auf die Straße gesetzt haben. Wir gehen mit gewaltigen Gewissensbissen ins Bett.

Am dritten Tag ist Ljudmila wieder da, ohne Blondine. Jetzt wissen wir, dass sie nicht Danylos Schwiegermutter ist. Ich sage „Guten Morgen“ und sie antwortet. Erste Annäherung. Am Nachmittag ist sie immer noch da. Endlich traue ich mich, sie anzusprechen: „Es tut uns Leid, wir wollten sie nicht auf die Straße setzen.“ Sie winkt ab. Aus den Augen aus dem Sinn. „Es war doch ein Fehler der Administration.“ Über so viel Gleichmut bin ich überrascht. Sie bietet uns Hilfe beim Packen an. Und erzählt von Doneck. Dass sie geflohen ist, denn nur so sei sie sicher. Sie und ihre Tochter. In Doneck sei die Wohnung, die sie nicht verkaufen könnten. Dass diese Frau die „strashna pani“ ist, von der Danylos Freund gesprochen hat, kann ich mir gar nicht mehr vorstellen. „Es tut gut, in einer schönen Stadt zu sein, das ist Balsam für die Seele“, sagt sie. „Es gibt guten Kaffee hier, wie in Wien.“ Auch wir strahlen über die Schönheit von Lviv und ich denke an den Slogan der Stadt „We lviv“. Ljudmila, diese runde Frau, die wir gleich als hysterische Schwiegermutter abgestempelt hatten, hat Schmerz in ihrem Gesicht. Aber sie sagt: „Die Seele ist ruhig“, weil ihre Tochter und sie nicht mehr in Doneck sind. Sie wirkt fast erleichtert, dass sie sich von dem „Chaos dort“ befreit hat. Lviv, Chernivtsy, Uzhgorod, Odessa, Kiew – unter diesen Städten wollen sie und ihre Tochter nun eine auswählen.

Die Tochter ist gerade nach Kiew gefahren – aber da ist der Kaffee doppelt so teuer wie in Lviv, Ljudmila lächelt selbstironisch. Am späten Abend kommen Nastasja und ich noch einmal zurück, um unser Gepäck zu holen. Wir setzen uns zu Ljudmila aufs Sofa, sie schaut Fernsehen auf Englisch, eine Modenschau. Ich frage, ob sie es versteht. Ach, es geht nur um die schöne Kleidung. Ljudmila kocht uns schwarzen Tee mit Ingwer und Zitrone und erzählt von ihrer Tochter. Sie ist Englisch-, Deutsch- und Ivrit-Lehrerin, sie hat in der Samstagsschule der jüdischen Gemeinde in Doneck Hebräisch unterrichtet. Sie seien keine Juden, aber mit ihnen sei gut Auskommen. Wir schultern unsere Rucksäcke, um die letzte Straßenbahn zum Bahnhof zu nehmen. Ljudmila zieht auch ihre Jacke an. „Ich schnappe noch ein bisschen Luft.“ Mitten in der Nacht. Dann begleitet sie uns bis zur Straßenbahn.

Ach, in dem Hostel fühle sie sich wohl, so sei sie nie allein. Hier sei es fast so gemütlich wie zu Hause. Die Ämter hätten ihr ein Zimmer bei Leuten in den Karpaten angeboten – „Aber das ist nichts für uns, im Dorf leben. Für ein Wochenende ja, aber sonst ist das nichts“, sagt sie, die Donezkerin. Es ist gut, dass ihre Tochter nicht ausgewandert sei – auch wenn sie die Möglichkeit gehabt hätte. „Ona u menja odna“ – Sie sei ihr ein und alles, was wäre sie ohne ihre Tochter. „Und jetzt haben Sie noch ein paar Söhne dazu“, scherzen wir. „Ja, sie sind Naseweiße. Als ihr kamt, haben sie angegeben: so viele Mädchen. Und dann können sie gar nicht mit euch reden. Sind schüchtern und vergraben sich in ihren Handys.“ Letztens sei das Internet für drei Tage ausgefallen und das war eine Katastrophe. Aber Ljudmila mag sie, sie seien gute Jungs. „Sie sind für Sie wie eine Mama,“ sage ich. Ja, sagt sie. Ich habe ihnen angeboten, sie alle zu adoptieren. Wir biegen um die Ecke und die Straßenbahn ist da. Auf Wiedersehen. Wir umarmen uns schüchtern. In der Straßenbahn merken Nastasja und ich, dass wir nicht einmal ihren Namen wissen – der Name Ljudmila war ja nur eine Erfindung!

Dorothee Riese

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