Wahrheit ist nicht schwarz weiß

von Jasna Ibach

Nach unserem Eindruck in Kiew schien die Lage der Stimmung im Lande klar. Alle unsere Gesprächspartner unterstrichen das neu erwachte Nationalbewusstsein, die wunderbare Erfahrung auf dem Maidan als Erkenntnis auch als einfacher Bürger etwas in diesem Land ändern zu können. Die antirussische Haltung war allgegenwärtig und der Eindruck wuchs, dass das nationale Erwachen auch zum Teil durch die vereinte Ablehnung Putins erstarkte. (Siehe: Die Ukraine vereint in einem Gedanken: Fuck off Putin)

Nach dem Aufenthalt in Charkiv und Lviv zeigt sich diese Stimmung bei weitem nicht mehr so homogen. Schwarz Weiß Denke und Schubladensystem ist einfach, aber wird der Realität in der Regel nicht gerecht. Schon gar nicht hier. Also nochmal alles auf Anfang und eine erneute Einschätzung versuchen.

Nach den ersten 4 Gesprächen in Charkiw zeigt sich die Stimmung hier sehr heterogen und teilt sich in verschiedene Lager. Was in Kiew mit einem gewissen Schmunzeln berichtet wurde über Gerüchte, dass der Maidan vom Westen angezettelt und finanziert wurde, wird hier Realität. Wir hören von westlicher Verschwörung, von der faschistischen Junta in Kiew, von Putin, der nur das Beste für die Bevölkerung will. Die Ukraine vereint im Anti-Putin-Gedanken? Wohl doch nicht. Der Krieg ist hier näher als in Kiew, die Anspannung spürbar. Abends sehen wir zufällig eine pro-ukrainische Demonstration. Es ist eine recht kleine Gruppe von etwa 100 Leuten, die gelb-blaue und schwarz-rote Fahnen schwenken. Sie rufen proukrainische Ausrufe im Chor. Um die Demonstranten stehen mindestens genauso viele bewaffnete Polizisten. Es entsteht Bewegung in den Straßen, an den Ecken stehen vermummte Gestalten, 5 Jugendliche rennen auf die Demonstrierenden zu. Ich entdecke, dass dem Mann, der vor mir die Straße überquert, ein Schlagstock aus der Hosentasche ragt. Wer hier zu welchem Lager gehört, bleibt (jedenfalls mir) absolut unklar – aber fest steht es gibt mehr als eines. Es kommt zu keiner Eskalation, aber die Anspannung ist deutlich zu spüren.

Wir hören weitere Geschichten. Die russische Propaganda, dass das ukrainische Militär kleine Kinder aufisst, führt dazu, dass in manchen zurückeroberten Gegenden die Kinder versteckt werden. Die einen behaupten, dass alle prorussischen Stimmen vom FSB bezahlt werden. Die Anderen sagen, die Maidan Bewegung wurde vom Westen (=mal USA, mal EU, mal beide) finanziert. Wir sind als Gruppe insofern damit konfrontiert, da unsere Gesprächspartner sich zum Teil gegenseitig beschuldigen von der einen oder anderen Seite bezahlt zu werden.

Der Ernst der Lage wird in Charkiw viel deutlicher, die Nähe des Krieges allgegenwärtig. Bei unserem Besuch an der russisch-ukrainischen Grenzen 30km von Charkiw antwortet einer der Grenzbeamten auf unsere Frage, ob er uns etwas zum Grenzverkehr erzählen könnte: „We are at war now, we don´t have time for Germans.“ Klare Ansage, wir haben natürlich Verständnis. Obwohl sich die Menschen durch das Gefühl der Angst vor Krieg verbinden, unterscheidet sich dennoch der jeweilige Hintergrund. Die einen fürchten die russische Invasion, die anderen das ukrainische Vorgehen in der Region.

An einem Abend treffen wir uns mit mehreren Mitarbeitern der Universität in einer Bar zum informellen Austausch. Eine junge Frau erzählt uns, dass sie nicht glauben kann, dass Janukowitsch jemals Wahlfälschung begangen hat, schließlich hätten ihn ja sie und ihr ganzes Umfeld gewählt. Aus ihr spricht Unmut darüber, dass „diese Leute in Kiev“ gleich zweimal den von ihr gewählten Präsidenten abgesetzt haben. Außerdem gab es mehr Elterngeld unter Janukowitsch und auch mehr Stabilität. Und eine außer Kontrolle geratene Situation wie die jetzige hätte es unter ihm nicht gegeben. Wir sind mit einem vollkommen anderen Blick auf die Situation konfrontiert. Hier spricht eine andere Wahrnehmung, eine andere subjektive Wahrheit, die dennoch als Wahrheit (wenn auch als eine von mehreren) ernst genommen werden muss.

In Lviv, das ganz im Westen des Landes liegt, bekommen wir wieder neue Perspektiven dargelegt. Aus der Region wurden die meisten Soldaten eingezogen und in den Donbass geschickt. Dies liegt in erster Linie daran, dass hier der loyalste Teil der Bevölkerung vermutet wird, bei dem kaum Gefahr läuft, dass sie zu den russischen Truppen überlaufen. Gleichzeitig kommt auch eine hohe Prozentzahl der Flüchtlinge in der Region Lviv an. Gründe dafür sind, dass es eine recht wohlhabende Gegend ist und dass es so weit weg vom Donbass und der Krim liegt, dass dieser Ort als besonders sicher erachtet wird. Alle unsere Gesprächspartner betonen, dass Lviv diese besondere Rolle im Konflikt selbstverständlich annimmt. Dennoch hört man Munkeln hier und da, dass junge Männer aus dem Donbass flüchten und in Lviv aufgenommen werden, während die eigenen Jungs an die Front geschickt werden. Während die ersten Flüchtlinge von der Krim noch mit offenen Armen empfangen wurden, machte sich mit zunehmender Anzahl auch Unmut breit. Meinungen, dass die Lviver Bevölkerung doppelt ausgenutzt wird, sind zu vernehmen.

Nach dem Besuch in diesen drei Städten haben wir weit mehr als drei Eindrücke der Stimmungslage bekommen. Es wird deutlich, dass es die eine objektive Wahrheit nicht gibt. Auf die Frage, wie nimmt die ukrainische Bevölkerung den Konflikt war, können viele verschiedene Antworten gegeben werden, die alle für sich die Berechtigung des subjektiven Empfindens beanspruchen können und allein dadurch legitim sind. Realität ist nicht wie Hollywood. Es gibt nicht die Bösen, die nur Böses tun und alle ihre Anhänger nur folgen, weil sie ebenfalls böse sind. Die rein Guten gibt es wahrscheinlich noch weniger.

Dass durch die Ukraine eine tiefe Spaltung zieht ist allerdings ebenfalls nicht zu vernehmen. Egal welche Wahrnehmung die Menschen von dem Konflikt haben, im Großen und Ganzen sprechen sich doch alle für eine vereinte und unabhängige Ukraine aus, auch wenn die jeweiligen Vorzeichen variieren mögen. Voller Optimismus möchte ich daher diesen Beitrag mit einem großartigen Zitat unseres letzten Sprechers Vasyl Kosiv beenden:

“Only for stupid people differences are a problem”

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