Bei Nastja – Oder was am Wahlsonntag sonst noch in Charkiv geschah

Der Wahlsonntag ist unser letzter Tag in Charkiv und der erste freie Tag seit unserer Ankunft. Die Erleichterung ist groß, endlich einen Tag Luft holen. Wir beschließen, dass es also nichts Besseres geben kann, als sich neu frisieren zu lassen. Ukrainian Style.

Vom morgendlichen Spaziergang zum Wahllokal bringt Doro einen Stapel Visitenkarten von ausgewiesenen Schönheitsspezialistinnen mit. Sogar die Frau vom Hostelempfang, die uns durch ihre dicke Brille drei Tage lang misstrauisch musterte, will uns gleich eine befreundete „Stylistin“ vermitteln. Wir entscheiden uns dann doch dafür, einfach auf die Suche zu gehen, zwischen Puschkin- und Sumska-Straße, den beiden Hauptachsen der Charkiver Altstadt.

Der Eingang zum Friseursalon

Eine steile Treppe führt in einen Keller hinab und schon empfängt uns Scherengeklapper und gute Laune. Die junge Frau im benachbarten Exchange Office ist ungemein gesprächig und vermittelt. Englisch, Französisch, Deutsch – für Enessa kein Problem, wie sie uns strahlend erklärt. Wir sollen auf den Master, wie die Friseuse mit der „leichten Hand“ auf Russisch heißt, warten. Wir drehen noch ein paar Runden. Die Stadt glitzert vor Sonnenschein und wirkt nüchtern. Dass heute Wahlen in einem erschütterten Land sind, merken wir dem eiskalten Morgen nicht an. Familien gehen spazieren, Damen führen Mäntel aus, verliebte Pärchen flanieren.

Zurück im Salon, wo die Stadt russisch Charkov und nicht ukrainisch Charkiv heißt, empfängt uns der Master. Sie hat blondierte Haare, die zu einer 60er-Jahre Frisur rundgeföhnt sind, zartes Lächeln, ein Gesicht wie eine Puppe. Bald stellen wir uns vor: Dora, Jasna, Lea, Nastasja. Sie heiße auch Anastasija, sagt sie schüchtern. Kurz: Nastja.

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Während wir nacheinander frisiert werden – noch nie wurden uns so liebevolle und ausgiebig die Haare gewaschen und jedes Haar einzeln an seinen Platz gerückt – plaudert Doro mit den drei Friseur-Damen und Enessa, wobei der Rest von uns ständig um Übersetzung bittet. Wir wollen schließlich mitlachen! Zunächst einmal muss sich Doro für ihre Oma-Frisur rechtfertigen: „Was hast du da auf dem Kopf, du siehst aus wie meine Babuschka!“ Aber nicht nur Doros Kopf erstaunt die Friseusen. Keine von uns färbt sich die Haare. Doro versucht es mit Worten wie „Bio“ und „naturalny“ zu erklären, wie die deutsche Damenwelt tickt. Tanja erklärt lachend, sie könne uns auch zu Ukrainerinnen poliert wieder zurück nach Hause schicken. Nastja schaut dabei verträumt.

Nebenbei stellt uns Enessa auch ihre Sprachkünste unter Beweis: „Das ist fantastisch!“ ruft sie laut, als Jasna fertig frisiert ist. Die Kolleginnen kichern über soviel Übermut. Hier hat wohl die Mediamarktwerbung als Sprachmittler geholfen. Auch „Hitler kaputt“ gehört zu ihrem deutschen Wortschatz. Das ist mehr als die meisten von uns auf Ukrainisch oder Russisch zusammen bekommen. Nur Doro möchte auch noch Ukrainisch lernen – darüber rümpfen die Damen aus dem Keller die Nase und fragen, wozu? Das Gespräch plätschert weiter, es geht um Glaube und Aberglaube, die Ukraine im Allgemeinen und Besonderen und endet bei dem Krieg im Donbass und der Frage nach der richtigen Politik.

Die vierte Dame im Gespann, Alina, ist die Empfangsdame. Ob sie denn heute wählen gehen? Ja, antwortet sie für alle – wir wählen alle den oppositionelle Block. Wir, die deutschen Besucherinnen, schrecken zurück, ohne es auszusprechen: Wie können junge Leute diese Partei wählen, die das Sammelbecken der ehemaligen Partei der Regionen von Janukovič ist. Porošenko macht was er will, ihn interessieren die Leute nicht, erzählt Alina weiter. Wir sind dafür, dass „diese Situation“ im Donbass aufhört und wir mehr Eigenständigkeit bekommen. Wir sind für die Ukraine. Wir wollen gute Beziehungen mit Russland, auch mit der EU. Nach einer Pause: Aber wir sind gegen die NATO, sagt Alina. Sie schaut uns ein bisschen vorwurfsvoll an, während wir verständnisvoll nicken. Gestern seien sie wieder gekommen, diese Nationalisten und haben Unruhe auf dem Platz der Freiheit gestiftet. Wer kam da, fragen wir nach. Der Rechte Sektor. Nastja wiederholt „Die Ultras“. Wir sind misstrauisch, woher haben sie diese Information? Nicht aus dem Fernsehen, das schaue sie nicht mehr, sagt Alina und macht eine Pause. Eine Freundin, die beim Platz der Freiheit wohnt, habe es mit eigenen Augen gesehen, wie sie Plakate der Opposition angezündet hätten. Alina beschwert sich unter dem Nicken der Kolleginnen: Es hat ihnen nicht gereicht, das Lenin-Denkmal abzureißen. Wir wollen, dass wir unser Lenin-Denkmal wieder aufbauen können.

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Während sie Jasna Stufen schneidet, erzählt Tanja von ihren Verwandten in Doneck. Von steigenden Lebensmittelpreisen und der Gewöhnung an die Schießereien auf der Straße. Und von der Angst vor dem, was noch kommen kann. Der Krieg muss aufhören, dazu nicken alle im Keller. Die Frage nach dem Wie geht im Getöse der Föhns unter. Denn Nastja und Tanja beherrschen diese Kunst. Wo der Haarschnitt 20 Minuten dauert, braucht es noch etwa eine halbe Stunde bis die Friseur sitzt. Jede Haarsträhne wird behutsam in Form gebracht. Wir haben uns selten so hübsch gefühlt wie heute, mit wippenden Locken, geglätterter und tuppierter Haarpracht. Als wir nach drei Stunden wieder das Tageslicht erblicken – natürlich wurden zuvor die Facebook-Kontakte ausgetauscht – bläst uns ein eiskalter Wind um die Ohren. Doro greift sofort zur Mütze. Wenn das Anastasija sähe…

Dorothee Riese und Nastasja Ilgenstein

2 Gedanken zu “Bei Nastja – Oder was am Wahlsonntag sonst noch in Charkiv geschah

  1. Liebe Dorothee! Liebe Nastasja!
    …wie schade! Wo bleibt das Foto von Euch ukrainisch gesteylten Hübschen, bevor Dorothee respektlos die Mütze drüberstülpte…?
    Ich hoffe es wird nachgereicht.
    Maria

    Gefällt 1 Person

  2. Ja, da wär ich auch gern dabei gewesen, bei der Verhandlung und dann bei der Verwandlung.
    Das Leben spielt sich eben auch bei den Stylistinnen ab…und hat etwas so Reales.
    Anders, als wenn ich hier die Zeitung lese..
    Darf ich das auch an die Naumburger zeitung weitergeben, was Ihr schreibt?
    Harald

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