Von der Schwierigkeit, Partei zu ergreifen

Wenn man in zehn Tagen vom Zentrum über den Osten in den Westen der Ukraine fährt, kann man den Eindruck bekommen, dass hier fast jeder genau weiß, wo er hingehört. Auf den ersten Blick scheint man ist entweder pro-Maidan oder anti-Maidan zu sein, pro-ukrainisch und anti-russisch oder umgekehrt.

Für Ausländer ist es schwerer, sich festzulegen, denn begründet Partei zu ergreifen setzt Urteilsfähigkeit voraus. Die zu vertiefen, war eigentlich der Zweck unserer Exkursion. Jetzt, am Ende der Reise, fühle ich mich dagegen weniger fähig zu urteilen als zuvor. Die Kämpfer für die „Gleichberechtigung der russischen Kultur und Sprache“ in Charkiv sind zwar der Meinung, dass es Ukrainer eigentlich gar nicht gibt und das Land schon immer aus russischer Erde bestand (siehe den Blog-Eintrag von Johannes Hub). Doch trotz der Kosakenuniformen hinterließen sie eher den Eindruck einer weggedrehten Folkloregruppe als den einer Kampfeinheit.

kosaken mal wieder

Der Vorsitzende der Fraktion der Partei Svoboda (Freiheit) im Lemberger Gebietsparlament, den wir gestern in Lviv trafen, vertrat ein etwas krudes, aber letztlich doch inklusives Nationenverständnis, das bei uns in der CDU gut Platz hätte. Doch Rechtsextremes habe ich nicht vernommen. Statt dessen ein klares Bekenntnis zu Demokratie und Selbstverwaltung, eine Entschuldung für den früheren „Fehler“, Kontakte zu rechtsradikalen Parteien in EU-Ländern unterhalten zu haben, den man inzwischen korrigiert habe. Dennoch haben wir bei anderen Gesprächspartnern in der Stadt Ablehnung wegen der Radikalität der Partei vernommen.

Vasyl Kosiv wiederum, ein Anhänger der neuen „liberalen“ Partei Selbsthilfe, der etliche Jahre im Lemberger Rathaus gearbeitet hat und es wissen muss, meinte, dass Svoboda in den letzten Jahren deutlich an Radikalität verloren hat. Ihre Abgeordneten, die im Gebietsparlament die Mehrheit haben, seien allerdings um keinen Deut weniger korruptionsanfällig als die Janukowitsch-Leute im Osten. Und  nun weiß ich noch weniger als vor der Reise, ob die Partei nun rechtsextrem ist oder nicht.

putin klopapier

Klopapier mit dem Konterfei von Vladimir Putin, zu kaufen in Lviv

Am Sonntag waren Parlamentswahlen. Im Donbass habe von denjenigen, die wählen konnten, wahrscheinlich 20 bis 25 Prozent an den Wahlen teilgenommen. Viele wurden durch Gewaltandrohung davon abgehalten, zur Wahlzugehen – von den Separatisten, sagte Vasyl Kosiv, von den ukrainischen freiwilligen Kämpfern, erzählten uns Frauen im Zug von Charkiv nach Lviv. Einigkeit bei den Gesprächspartner herrschte dahingehend, dass bei den Kämpfen in Donbass mindestens 4.000 ukrainische Soldaten und Freiwillige und etwa genauso viele Separatisten und russische Soldaten ihr Leben gelassen haben. Allerdings sei die Ukraine längst auf dem Weg von einer ethnic zu einercivic nation. So sagten es in Lviv jedenfalls Yaroslav Rytzak und Taras Vozniak. Wie soll man da  nun urteilen?

Auf jeden Fall aber gab die Reise vielfältigen Anlass, vorherige Vorurteile in Frage zu stellen, und das ist dann doch ein ganz gutes Ergebnis. Unterdessen habe ich mich entschlossen, die Partei der Humanität, der Vernunft und des Rechts zu ergreifen. Aber ich weiß noch nicht, ob sie es ins Parlament geschafft hat.

patriotischer hund

Slava Ukraine – ein patriotischer Hund in Lviv

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