Liebesgrüße aus Charkiw

Suff, Müdigkeit, Verschwörungstheorien. Die Ukraine ist derzeit ein Buch mit sieben Siegeln. Auch für uns.

Am 25.10. um null-sechzehnhundert Ortszeit ist es soweit. Nach mehrmaligem Terminverschiebungen hat unsere Kontaktperson mit dem Decknamen „Olga“ ein konspiratives Treffen mit – wie sie sagt – FSB – Agenten ausgemacht. Schon als wir die Metrostation am Stadtrand verlassen und das anliegende Wohngebiet infiltrieren, klappen die Fensterläden zu und es weht uns ein kalter Wind entgegen. Vielleicht klappen die Fensterläden auch wegen des kalten Windes zu, oder vielleicht denken wir es uns nur aus, damit die Story spannender klingt: In der Welt der Spione und Agenten ist nichts mit Sicherheit zu sagen.

Unauffällig suchen wir unsere Jacken nach den roten Punkten von Laserzielfernrohren ab, während wir uns dem Treffpunkt nähern. Vor einem Denkmal für gefallene Sowjetsoldaten warten drei Gestalten in langen Mänteln und tief ins Gesicht gezogenen Mützen und beobachten uns stumm. Keine Frage: So sehen russische Geheimagenten aus. Einer von Ihnen kommt auf uns zu und zieht seine Hand aus dem Mantel. Einen Wimpernschlag des Schreckens lang erwarten wir die berüchtigte Pistole mit Schalldämpfer, mit der wir K-G-beseitigt werden sollen. Ist hier die Reise zuende?

Doch er reicht uns nur die Hand und stellt sich mit seinem Tarnnamen „Makarov “ vor. Da wir an diesem exponierten Ort nicht sicher sind, führen uns die drei zügig in ihr supergeheimes Geheimversteck im Keller eines Wohnblocks, der als „Museum des russischen Widerstandes“ getarnt ist. Ursprünglich wurde der Distrikt von den Amerikanern erbaut. Heute Lagern in den Kellern die Kartoffeln der letzten Ernte. Kartoffeln? Wird es uns bald auch so ergehen!?

Hinter der quietschenden Stahltür erwarten uns satellitengestützte Kommunikationseinrichtungen, Verhörinstrumente und ein kompletter Raketenstartplatz, getarnt als Zarenikonen, alte Photos und TV – Technik aus den achtziger Jahren. Die Fenster sind verdunkelt, die Luft steht von der Geschichtsträchtigkeit des Ortes: Von hier aus könnten die Kubakrise oder die Guillaume-Affäre gesteuert worden sein. Die Position wurde anscheinend schon eine ganze Weile nicht mehr gewechselt.

ikone

Kein Wunder, denn auch die Tarnung der Agenten selbst ist perfekt. Dachten wir eben noch an den FSB, kommen beim Ablegen ihrer Mäntel alte Kosackenuniformen zum Vorschein. Die Lage wird immer unübersichtlicher. Mit wem haben wir es eigentlich zu tun? CIA? Die hat jetzt Drohnen. Mossad? Möglich, aber mit zu vielen eigenen Problemen beschäftigt. BND? Würde wegen Transparenz, Chancengleichheit usw. erstmal um Erlaubnis fragen. Oder gar ISIS? Für so eine raffinierte Tarnung zu dämlich. Außerdem haben wir unsere Köpfe noch. Wir erfahren nur die Tarnidentität: Verein zur Förderung der russischen Kultur und Sprache. Mehr brauchen wir nicht zu wissen.

Doch der Umfang der von ihnen aufgedeckten Verschwörung ist ungeheuerlich. Im Prinzip gehört der ukrainische Boden noch immer zu Russland, da die Unabhängigkeitserklärung von 1991 ungültig ist. Schon Katharina die Große war schließlich Slawin und nicht nur angeheiratete Preußin. Die ukrainischen Eliten sind keine schamlosen Kleinkriminellen, die die Wirren der Neunziger Jahre dazu nutzten, sich auf Kosten der Allgemeinheit zu bereichern, sondern führen durch die Schwächung der einheimischen Wirtschaft einen gezielten Genozid an der russischsprachigen Bevölkerung durch. Die Schuld an der aktuellen Misere trägt Lenin, der die einst einigen Slawen in verschiedene Nationen aufspaltete. Doch was hat all dies mit dem aktuellen Maidan zu tun?

„Darüber reden wir doch die ganze Zeit!“ …anscheinend benutzen die Agenten einen unbekannten Code, der seiner Entzifferung harrt.

kosakenfiguren johannes sleeping

Haben wir es vielleicht mit Vertretern des berüchitgten Neurussland zu tun? Oder doch nur mit versoffenen Kegelbrüdern? Offensichtlich wird heimlich ein Schlafgas in den Raum geleitet, denn langsam, aber sicher fallen einigen die Augen zu. Derweil oszilliert der Blick des schweigsamen Begleiters unseres Kontaktmannes irgendwo zwischen kaltem Krieg und nuklearem Winter. Ein dritter schießt in Zivil unenwegt Fotos von uns. Welche Überraschung wohl unter seinem Pulli lauert?

Doch ob Robocop oder Plauze: Es ist Zeit für einen geordneten konspirativen Rückzug. Da uns kein zum Raketenschlitten umgerüsteter BMW zur Verfügung steht, um mitten durch die Wand zu rauschen, greifen wir auf subtilere Mittel zurück. Der Annexion unserer Gruppe durch die Agenten entgehen wir, indem wir schnell ein klandestines gruppeninternes Referendum zur Sezession vom geheimen Keller manipulieren. Doch die Tür ist verschlossen wie ein eiserner Vorhang. Werden wir je in Freiheit, Demokratie und Menschenrechte zurückkehren? Zum Glück muss Jimmy Carter nicht vermitteln, denn der Schlüssel findet sich und so können wir dem russischen Großmachtstreben entkommen.

Viele Fragen bleiben: Waren die Amerikaner auf dem Mond? Liegt Jimmy Hoffa im Lenin- Mausoleum begraben? Von welchem Planeten stammt Michael Jackson? Und waren die Kosacken ursprünglich nicht mal gegen Russland? Die Logik der Argumente wird sich erst später erschließen. Doch ersteinmal ist es Zeit für ein Glas (– nost) Wodka (- Gorbatschow).

Johannes (00Action) Hub

2 Gedanken zu “Liebesgrüße aus Charkiw

  1. Alles Gute für Euch aus Berlin! Ihr werdet sicherlich viel Wahrheit und Erkenntnis nach Hause zurück bringen. Oder zumindelst vielleicht einen kleinen Kuschelkosacken… Toller Bericht vom konspirativen Treffen!
    Professor Hastig auf eiliger Mission (:

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  2. Pingback: Deep Emotions – unser Programm in den nächsten Tagen | viadrina goes ukraine. Exkursion 2017

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