Bahnfahrt Charkiw – Lwiw

Bereits zu Beginn unserer Pläne stand fest, dass wir die lange Fahrt von Charkiw nach Lwiw – immerhin über 1000 km – im Nachtzug hinter uns bringen würden. Eine Entscheidung, die uns noch einmal eine andere Nuance der heutigen Ukraine nahegebracht hat.

bahnhof charkiw

Der Bahnhof Charkiw kurz vor unserer Abfahrt

Charkiw war von 1919-1934 die Hauptstadt der ukrainischen Sowjetrepublik; es mangelt nicht an repräsentativen Bauten. Der Bahnhof, der heute eine rund um die Uhr geöffnete Station für Flüchtlinge beherbergt, zeugt davon. Wir sammeln uns an einer Samowar-Station. Sie steht in der riesigen Bahnhofshalle, die vor allem durch die in der Mitte stehende Reklametafel beleuchtet wird. Grelles Weiß wechselt sich ab mit Blau und Violett und taucht den Saal in ein unwirkliches Licht. Wir können uns kaum lösen und entschließen uns erst zehn Minuten vor der Abfahrt, uns in Richtung von Gleis 2 zu begeben.

Im Zug ein buntes Durcheinander. Aus irgendeinem Grund hat uns der Reiseveranstalter nicht gemeinsam, sondern in unterschiedlichen Abteilen und Waggons untergebracht. Da wir nicht alle russisch sprechen, müssen sich die meisten ohne große Worte mit den Mitreisenden arrangieren. Die Regeln des Schlafwagens sind klar, stehen aber nirgendwo geschrieben. Wer auf dem unteren Bett schläft, muss den übrigen Mitreisenden gestatten, bis zum Schlafengehen auf der eigenen Matratze mitzusitzen. Früher, zu Zeiten der Sowjetunion, lief dies eigentlich immer auf ein kollektives Besäufnis hinaus. Heute: die ukrainische Vogue, Kreuzworträtselheft. Geblieben sind die billigen Kekse von jener Sorte, die man lieber weiterreicht als sich einen davon zu nehmen.

Im Nachbarwaggon läuft es besser. Eine ganze Vierergruppe von uns in einem Abteil. Des einen Glück, des anderen Pech: bald sitzen wir zu zehnt dort und stellen fest, dass man hier wohl lange nicht an Schlaf denken könne. Der Rest der Gruppe ist glücklicher als die vier, die hier ihre Betten haben. Einige von uns rauchen auf der Plattform. Es ist eigentlich verboten, und ein Wichtigtuer mit Ausweis erklärt, er könne veranlassen, die ganze Gruppe in Kiew aus dem Zug zu holen. Ich lache ihn aus, gehe aber vorsichtshalber zu unserer Schaffnerin, die sich schon zu Beginn pragmatisch gezeigt hatte: „He, warum kommt ihr so spät zum Waggon?“ Ich finde sie auf jener Plattform, auf der das Rauchen verboten ist. Sie raucht, ist eigentlich kaum zu erkennen hinter den Zigarettenschwaden. Mit dabei: Jan Wielgohs, der schon seit Beginn der Woche zufrieden zur Kenntnis nimmt, wie günstig Zigaretten in der Ukraine sind. Olga, so der Name der Schaffnerin: „Ich glaube nicht, dass ihr ein Problem habt.“ Bleiben wir also auf der Plattform und diskutieren über ihren schweren Arbeitsalltag. Hier nur soviel: es hat viel mit Schlafmangel und Exkrementen zu tun. Spät in der Nacht krieche ich auf meine obere Liege und lasse mich in den Schlaf schaukeln.

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Am nächsten Morgen: auf zum Speisewagen! Ich überrasche die Bedienung mit dem Wunsch nach einem Rührei. Unverständnis. Will sie mir signalisieren, dass ein Rührei nicht mit veganer Ernährung kompatibel ist? Nein, da Problem ist ein anderes. „Das steht nicht in unserem Menu, in unserer Speisekarte.“ Aha, wo gibt es die denn? „Die ist gerade nicht aktuell, deswegen liegt sie nicht aus“. Aber was könnte ich denn bestellen? „Butterbrote, Kartoffeln. Aber gut, ich mache Ihnen ein Rührei.“ Na also, geht doch.

Im Speisewagen selbst befinden sich außer eine kleineren Viadrina-Gruppe eigentlich nur Betrunkene. Zwei junge Männer, einer in Armee-Uniform, leeren innerhalb einer Viertelstunde eine ganze Flasche Wodka. Mitleidig betrachten sie Dorothee und Jana-Alessa, weil sie Tee trinken – warum nur, und das noch um diese Uhrzeit? Nach einiger Zeit verziehen die Männer sich, nicht ohne uns ein volles Gläschen da gelassen zu haben. Als nächstes taucht Grygory auf. Er ist um die 50, hat eine vom Alkohol gebräunte Haut und verfügt wirklich über eine laute Stimme. Bald stellt er fest, aus derselben Region zu stammen wie Iryna. Die beiden unterhalten sich etwas bemüht. Er lädt uns alle zu sich nach Hause ein. Zwischen ihm als Anhänger von Stepan Bandera – dem Partisanen, der im Zweiten Weltkrieg mit Unterstützung der Nazis gegen die Rote Armee gekämpft hat – und uns als Deutschen könne es ja nur Völkerfreundschaft geben. Den Begriff der Völkerfreundschaft, ich erinnere mich, hatten auch die Kosaken in Charkiw verwendet.

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Weil, wie gesagt, seine Stimme wirklich sehr laut ist, kommt die blondtoupierte Speisewagenfee aus ihrem Kabuff und sieht nach, was vor sich geht. Sie erfasst, dass einige aus unserer Gruppe lesen und einzelne sogar ein Laptop aufgeklappt haben. Es empört sie. „Es kann ja sein, dass das bei Euch üblich  ist. Bei uns aber ist der Speisewagen zum Essen da. Phhh, das soll also die Europäische Union sein!“  Endlich: der erste konkrete Negativbezug zur EU,  nach dem wir so lange gesucht haben!

In der Gruppe sprechen wir noch ein wenig über das kleine Donnerwetter. Wir sitzen im Speisewagen, weil unsere ukrainischen Mitreisenden in allen Abteilen eine Art Hypergemütlichkeit etabliert haben. Liegenbleiben bis mittags, Filzpantoffeln, zugezogene Vorhänge. Ohne dass es uns vorher bewusst geworden wäre, hat es uns kollektiv dorthin gezogen, wo das helle Morgenlicht in den Zug fällt – eben im Speisewagen.

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Die Abteile dagegen sind von innen ausgefüttert wie ein Futteral. Nicht aus sargigem Samt wie bei Tschechow, sondern beklebt mit bordeauxrotem Kunstleder, beige-braunem Resopal, ausgelegt mit rissigen Bettlaken und blaukarierten Nachtdecken. Nicht zu vergessen die gelblichen Vorhänge, die nicht nur zugezogen sind, sondern sich noch hinter dem gleichfarbigen Sonnenschutz verstecken. Würde man all das öffnen, wäre der Blick freigelegt auf milchige, letztlich undurchdringliche Doppelglasscheiben. Die Gedanken werden schwer.

Kommen wir zurück zu Olga, der Schlafwagenschaffnerin. Die selbst von sich sagt, häufig würden Fahrgäste zu ihr sagen, sie könne noch nicht lange bei der ukrainischen Eisenbahn arbeiten: „zu freundlich“. Auf die jüngsten politischen Ereignisse hat sie eine ambivalente Sicht. Die Menschen ließen sich von der Werchuwka, den Machthabenden, ausbeuten. Aber doch auch, weil alle selbst erhoffen würden, sich etwas vom Kuchen abzuschneiden! Nur würde in der Ukraine kaum jemand erkennen, dass der Kuchen immer kleiner werde. Den betrunkenen Grygory führt sie freundlich aus dem Speisewagen, als er noch lauter wird. Wenig später sehe ich ihn auf dem Bahnsteig; der Zug hält für zehn Minuten im Niemandsland. „Olga, wird er es rechtzeitig zurück in den Zug schaffen?“. Olga lacht: „Keine Sorge. Solche Menschen gehen bei uns nicht verloren.“

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Die Weisheit der Ukrainischen Staatseisenbahn: Schaffnerin Olga 

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