Authentisch oder skurril? Novoukraina und sowjetisches Erbe

Seit fast einer Woche befinden wir uns nun schon im Bann der Ukraine. Wir haben ein Land vorgefunden, dessen Bürger durch die russische Aggression im Süden und Osten des Landes zueinander gefunden haben. Mehr noch, die nicht mehr zu verbergende Präsenz russischer Soldaten und Waffen hat ein kollektives Gelb-Blau-Gefühl entstehen lassen. Auf den Osten wird das projiziert, was Konrad Adenauer als gelbe Gefahr bezeichnet hat: eurasische Krieger, KGB-Aggressoren, Korruption, passives Erdulden brutaler staatlicher Macht. Im Westen: die blaue Fahne der EU, die mit Frieden, Wohlstand, Sauberkeit und Freiheit assoziiert wird. Novorossija wird nicht nur als geopolitische Möglichkeit gefürchtet, sondern gilt als Abbild der mental rückständigen und zugleich rücksichtslosen russischen Bevölkerung. In Abgrenzung dazu ist fast beiläufig eine Novoukraina entstanden, in der sich gesellschaftliches Engagement in patriotische Wehrhaftigkeit übersetzt. Russen dürfen hier nur noch dann dazugehören, wenn sie sich zugleich als ukrainische Patrioten outen. 

In Charkiw haben wir den militärischen Aspekt der hier nur noch bedingt „zivilen“ Gesellschaft kennengelernt. Im Büro des Fonds für lokale Demokratie treffen wir nachmittags auf vier Damen und einen Herren, die eineinhalb Stunden lang erklären, wie sie gesellschaftliches Engagement verstehen: Hilfe für Binnenflüchtlinge und Kriegsopfer, vor allem aber mentale und reelle Unterstützung für die ukrainischen Kämpfer. Sowohl die Armee als auch die Freiwilligenverbände im Donbass scheinen darauf angewiesen zu sein, dass ihnen Kampfkleidung gespendet wird und sogar die gepanzerten Fahrzeuge in privaten Autowerkstätten repariert werden. Noch während der Veranstaltung werden wir angesprochen, ob wir nicht dabei sein wollen, wenn am folgenden Tag ein Ofen an die Front geliefert wird. Ich, der ich im Namen der Gruppe gefragt werde, verzichte erst einmal.

Wie „neu“ kann die Ukraine sein oder werden? In Charkiw, so sehe ich es jedenfalls, weht der Wind keineswegs nur aus einer Himmelsrichtung. Es hat sich schon in Kiew angedeutet, wo unser Schnellzug nach Charkiw am selben Gleis stand wie der Schlafwagenzug nach Sewastopol‘. Der Zugverkehr auf die Krim funktioniert wie eh und je; lediglich die unangenehmen Grenzkontrollen sind neu. Der Anblick des Zugs, sicherlich noch zu Zeiten der Sowjetunion hergestellt, erhöht die Sensibilität dafür, dass die Ukraine nicht nur in Abgrenzung zu Russland funktioniert. So wie sich die imaginierten Gebiete von Novorossija und Novoukraina territorial überschneiden, so überlappen auch die geschichtlichen Erfahrungsräume.

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Am Bahnhof in Kiew: Zug nach Sevastopol‘

Den nach wie vor wichtigsten Bezug bildet, das wird in Charkiw deutlich, die aus den Ruinen des Russischen Reiches hervorgegangene Sowjetunion. Anders als Konrad Adenauer wissen wir heute, etwa durch die Beschreibungen von Karl Schlögel, dass die Sowjetunion ihre Vorzüge hatte. Die kulturellen Integrationsleistungen im Vielvölkerstaat waren ebenso beachtlich wie die sozio-ökonomische Entwicklung – jedenfalls wenn man das rückständige Zarenreich zum Maßstab nimmt und nicht ein häufig idealisiertes „westliches“ Modell. In Charkiw ist das sowjetische Erbe allgegenwärtig. Innerhalb von Stationen der U-Bahn finden wir öffentliche Schachbretter, umvölkert von Pensionären. Auf dem Markt sitzen Obstverkäuferinnen aus Zentralasien. Wir kaufen bei einem Händler aus Aserbajdschan, dessen Eltern aber in Kiew wohnen, getrocknete Früchte. In einiger Entfernung steht ein weißrussischer Gastronom (eine Art Spezialitätengeschäft), in dem endlich mal wieder gesalzener Speck ausliegt. Vor einer Bäckerei mit Cheburiki sowie Zitronenlimonade aus Georgien bildet sich eine lange Schlange, der auch wir uns anschließen.

schachspieler in der ubahn

In der U-Bahn in Charkiw: Schachspieler. Um zu Ihnen zu gelangen, muss man ein Metroticket lösen

Einige Stunden später sehen wir uns erneut in eine andere Welt versetzt. Tagelang haben wir Iryna Solonenko – unsere umtriebige Begleiterin – belagert, damit sie uns einen Termin mit einem Vertreter der „russischen Opposition“ verschafft. Niemand aber will sich mit uns treffen. Als es endlich doch gelingt, finden wir uns in einem Kuriositätenkabinett erster Ordnung wieder. Gennadij Vasil’evich Makarov repräsentiert eine Organisation, die sich für kulturelle und sprachliche Gleichheit einsetzt. Es stellt sich indes schnell die Frage, zwischen wem hier Gleichberechtigung etabliert werden soll, denn die Existenz der Ukraine leugnet er: „es gibt nur russische, keine ukrainische, Erde“. Außerdem ist ihm wichtig, dass Katharina die Große eine Slawin gewesen sei; dies werde uns nur durch von den USA finanzierte Schulbücher vorenthalten. Neben ihm hat sich ein Ataman/General einer Kosakeneinheit in aufgebaut; ebenfalls in Uniform. Dieser steht eine Stunde lang wie eine Wachsstatue da, bevor ihm an einer bestimmten Stelle, deren Relevanz ich aber nicht entschlüsseln kann, entfährt: „Ja, so ist es.“

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Der Abschied gerät herzlich. Wir gehen in den Innenhof des heruntergekommenen Wohnblocks. In den 1990er-Jahren haben die Aktivisten hier Kartoffeln in selbst gebauten Kellern gelagert, um sich gegen den „Genozid“ zu wappnen. Ein Abschiedsfoto, und: „Auf die Völkerfreundschaft zwischen Deutschen und Russen.“ Do  swidanija.

Es ist schon etwas merkwürdig. Die Kosaken, Russland und die Sowjetunion, das war nun wirklich keine einfache Beziehung. Im Weltbild eines bestimmten russischen Milieus wird nun jedoch eine gerade Linie gezogen vom allerfrühesten Slawentum zur ewigen Überlegenheit des russischen Volks. Die Sowjetunion habe dabei die anderen Völker überhaupt erst geschaffen. Ukrainer, Esten, Letten – ohne die aktive Vielvölkerpolitik Lenins und Stalins wären diese „Ethnien“ doch letztlich gar nicht entstanden. Womit nach der Meinung der uns gegenüberstehenden Kosakenoffiziere auch alles darüber gesagt ist, wem hier die kulturelle Vorherrschaft gebühre. Aus der Sicht so mancher „Russen“, das hat dieses letzte Treffen in Charkiw gezeigt, ist Völkerfreundschaft eben doch ganz simpel mit russischer Dominanz im slawischen Raum gleichzusetzen.

Auf dem Rückweg zur Metro-Station „Naukova“ fragt Iryna in die Runde: „So, seid Ihr nun zufrieden?“ Ein feines Lächeln umspielt ihren Mund. Manchmal muss sich die Novoukraina gar nicht besonders anstrengen, um einen erneuten Punktgewinn gegenüber Novorossija zu erzielen.

Ein Gedanke zu “Authentisch oder skurril? Novoukraina und sowjetisches Erbe

  1. Sehr interessanter und lebendig verfasster Bericht! M.E. ist es die große Angst von Putin & Co, dass sich die Ukraine durch die Annäherung an die EU demokratisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich richtig gut entwickelt und Russland, das nur durch seine Rohstoffe vorangekommen ist und technologisch gegenüber dem Westen immer weiter zurückbleibt, weit hinter sich lässt.

    Die Vertreter der „russischen Opposition“ sind offensichtlich ziemlich borniert.

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