Ankunft in Charkiw

Nach vier ereignisreichen Tagen in Kiew begaben wir uns gestern Abend in den Schnellzug nach Charkiw. Die ukrainische Landschaft zog in unglaublichen viereinhalb Stunden an uns vorbei – die Zeit wurde wahlweise zum Unterhalten, Diskutieren, Gedanken notieren, Essen oder Schlafen genutzt.

Trotz unterschiedlichen Zeitvertreibs kamen wir alle wohlerhalten und erfrischt in der Wissens- und Industriestadt Charkiw an. Die Erfrischung überkam uns nicht zuletzt aufgrund des Temperaturabsturzes auf unter 0°C, der für den Einen oder Anderen mehr oder weniger überraschend kam. Bis zum heutigen Morgen hatte sich an der Temperatur leider nicht viel verändert.

Nach einer wärmenden U-Bahn-Fahrt brachen wir zu unserem ersten Treffen in der östlichen Ukraine auf.

Wir trafen auf Vertreter der Foundation of Local Democracy in ihrem zentral gelegenen Büro im siebten Stock. Der Treppenaufstieg war einer der wenigen Momente, bei dem man mal wieder ins Schwitzen kam.

Der Leiter der Abteilung für Medien und Kommunikation der Gebietsverwaltung Charkiw führte uns in das Aufgabenfeld von ihm und seinen 7 Mitarbeitern ein. Dieses teilt sich in zwei Bereiche: Zum Einen die Zusammenarbeit mit Organisationen der Zivilgesellschaft und Parteien, zum Anderen die Vermittlung zwischen der Regierung und Minderheitenorganisationen.

Er begann mit einigen Zahlen und Fakten. So erfuhren wir von den über 108 registrierten nationalen Minderheiten in der Region Charkiw. Neben 187 politischen Parteien, von denen allerdings nur 14 – 16 aktiv seien, gäbe es eine heterogene Landschaft von 3.112 zivilgesellschaftlichen Organisationen, von denen etwa 50 bedeutend seien. In der letzten Zeit seien viele freiwillige Helfer hinzugekommen. Diese engagieren sich vor allem für die geschwächte ukrainische Armee sowie für die Binnenflüchtlinge aus dem Donbass und von der Krim.

Innerhalb der Ukraine nimmt die Region Charkiw aktuell die größte Anzahl an „Umsiedlern“ (bevorzugte Bezeichnung für die Binnenflüchtlinge) aus den Krisenregionen, die auch als „ATO-Zone“ (Abkürzung für anti-terrorist operation) bezeichnet werden, auf. Da sich den Einschätzungen zufolge nur ein Viertel der Umsiedler bei der Stadt Charkiw registriert, kann von 110.000 gemeldeten auf insgesamt rund 400.000 betroffene Menschen geschlossen werden. Ungefähr bei der Hälfte der Personen handelt es sich um Frauen, bei jeweils einem Viertel um Männer bzw. Kinder.

Da sich die staatlichen Institutionen auf diesem Gebiet als weitgehend ineffektiv herausstellten (wie anscheinend auch in vielen anderen Bereichen), spielen zivilgesellschaftliche Organisationen eine besonders wichtige Rolle, wie wir in einem späteren Treffen mit Vertretern verschiedener NGOs erfahren.

Die ReferentInnen sprachen über ihr zivilgesellschaftliches Engagement und ermöglichten uns so einen subjektiven Einblick in die aktuelle Lage in der Region Charkiw. Die meisten dieser Organisationen engagieren sich auf verschiedene Art und Weise für die Umsiedler, die in Charkiw ankommen. Sie organisieren u.a. humanitäre Hilfe, betreuen Ausgabestellen für Kleidung, Medikamente und Lebensmittel und organisieren darüber hinaus Veranstaltungen für die häufig traumatisierten Kinder.

Als großes Problem wird aktuell die Berichterstattung der Medien genannt, die häufig von einem Ende bzw. Aussetzen des Krieges über den nahenden Winter sprechen würden und so die Spendenbereitschaft der Bevölkerung eindämmten.

Einen weiteren wichtigen Bereich stellt die Unterstützung der ukrainischen Armee dar. Diese sei größtenteils ineffizient, schlecht ausgestattet und besäße ein zu kleines Budget. Einige motivierte Menschen haben es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, die Soldaten zu unterstützen und beispielsweise mit Ausrüstung zu versorgen. Denn häufig mangele es an den einfachsten Dingen und man träfe immer wieder auf „Soldaten in Turnschuhen“, die die Nacht in unbeheizten Unterkünften verbringen würden. Die Waffen seien außerdem völlig veraltet, weshalb die NGOs häufig mit privaten Werkstätten kooperierten, welche die Militärtechnik selbst überarbeiten und erneuern.

Dies sei neben der Flüchtlingshilfe ein weiteres Beispiel für die Übernahme staatlicher Aufgaben durch die Zivilgesellschaft. Viele Aktivisten fragen sich mittlerweile, „welchen praktischen Nutzen die staatlichen Strukturen überhaupt noch hätten“.

Die sehr persönlichen Schilderungen und Eindrücke des heutigen Tages bilden viel Stoff für Diskussionen in unserer Gruppe.

Ein Gedanke zu “Ankunft in Charkiw

  1. Pingback: Wiedersehen in Kiew | viadrina goes ukraine

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