Zeitgeschichten aus dem Alltag nach der Revolution

Es ist kaum zu glauben. Vor wenigen Monaten noch war der Maidan der Schauplatz blutiger Straßenkämpfe, bei denen über einhundert Menschen starben. Heute erinnern improvisierte Gedenktafeln mit Fotos und Rosenkränzen an die Toten. Noch immer versammeln sich Menschen davor und bekreuzigen sich, zünden Kerzen an, oder fallen sogar auf die Knie. In der Nähe des Hotels Ukraine wurden die meisten Menschen durch Schüsse bis heute unbekannter Heckenschützen getötet. Ein durchlöcherter Laternenpfahl gibt Zeugnis von der Wucht der Kugeln, die mühelos die Transparente durchschlugen, hinter denen viele Deckung suchten.

Inzwischen ist der Maidan aufgeräumt, das abgebrannte Gewerkschaftshaus ist mit einer riesigen Werbeplane überzogen und die Geschäfte sind geöffnet. In der heißen Phase des Aufstands dienten sie als improvisierte Lazarette, um Verletzte zu behandeln, wie uns Kyril Savin, Leiter der Heinrich Böll Stiftung in Kiew, erklärt. Er selbst sei jeden Tag zu den Protestierenden gegangen – als Privatmann, wie er betont, denn die Stiftung habe sich darauf beschränkt, die Medien mit Informationen zu versorgen. Dass die Gewalt eskalierte, sei auch auf die Beteiligung rechtsradikaler Kräfte an den Protesten zurückzuführen gewesen. Diese hätten als erste militante Trupps gebildet um gegen die Sicherheitskräfte zu kämpfen. Auch gegen linke Gruppen seien sie vorgegangen.

Ursprünglich hatten im November 2013 vor allem 1000 – 2000 Studenten gegen die Aussetzung des Assoziationsabkommens mit der EU protestiert.

Als Die Proteste bereits abflauten, habe deren gewaltsame Auflösung zu einer Solidarisierung durch weite Teile der Bevölkerung geführt, so Savin weiter. Gleichzeitig hätten sich die Forderungen von der Unterzeichnung des Abkommens auf den Rücktritt der Regierung erweitert. Zeitweise waren hunderttausende Menschen im Stadtzentrum versammelt.

Als der Ausgang der Geschehnisse noch nicht abzusehen war, sei es für die Demonstranten um mehr als politische Forderungen gegangen: Bei einer gewaltsamen Zerschlagung der Kundgebungen hätten viele mit Haftstrafen rechnen müssen. Deswegen blockierten die Demonstranten sogar den Zugang zur Metro, da sie befürchteten, die Polizei könnte durch die Tunnel ihre Barrikaden umgehen. In den kalten Nächten dienten die unterirdischen Bahnhöfe außerdem als Schlafplätze und Schutzräume.

Noch immer finden sich an verschiedenen Stellen des Maidan Überreste wie Schutzbrillen, oder Bauhelme. Es ist nicht klar, ob diese einfach liegengelassen wurden, oder provisorische Gedenkorte darstellen. Überhaupt steht die Frage, wie der Toten gedacht werden soll, noch im Raum. Denn auch Polizisten starben durch die Schüsse auf dem Maidan und kämpfen heute in den Reihen der ukrainischen Armee im Osten des Landes. Soll man aller Toten gedenken?

Zudem scheint es für derartige Debatten noch zu früh zu sein. Denn auch, wenn mit dem Einsetzen des Winters mit einem Rückgang der Gefechte zu rechnen ist, ist der Kampf um die politische Zukunft des Ostens der Ukraine noch nicht entschieden.

Johannes Hub

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