Sehen heißt nicht verstehen

„Все украинцы еще с детства бaндеровцы,  потому что у них даже детские площадки называются  дитячими  Майданчиками!“

„Alle Ukrainer sind bereits von klein auf Banderovzi, da sogar die Kinderplätze dort Maidanchiki heißen!“

Als ich die Kinderplätze sah, erinnerte ich mich an die durch ihre Absurdität recht amüsante Rede des russischen Politikers Zhirinovski in Bezug auf die Bezeichnung der Kinderspielplätze in der Ukraine. Die heißen nicht nur Maidanchiki, sondern sind zusätzlich auch noch mit einer Vielzahl von Reifen ausgestattet. Bunt bemalt, geformt zu märchenhaften Figuren, umgestaltet zu Blumenkübeln.

Maidanchik

Maidanchik

Doch wenn sie brennen, dann brennen sie lange und der Gestank wird noch lange in den Köpfen der Menschen Assoziationen mit jenen Tagen hervorrufen, als sie auf die Straße gingen um für Freiheit und Unabhängigkeit zu kämpfen. Für europäische Freiheit und Unabhängigkeit von Putins Politik.

Heute heißt das Land die Menschen mit Wahlplakaten und zahlreich vertretenen Nationalflaggen willkommen. In einer Woche finden die Parlamentswahlen statt. Doch neben der ukrainischen blaugelben Nationalflagge taucht hier und da die europäische Flagge auf. Es fällt auf, dass diese Flagge insbesondere an den Fassaden zahlreicher Institutionen und Ministerien angebracht ist. Das fundamentale Gebäude am Michaylovskiy Platz, dessen Aufschrift verrät, dass es sich hierbei um ein Ministerium für auswärtige Angelegenheiten handelt, schmückt seine Fassade sowie mit ukrainischer, als auch mit europäischer Flagge.

Minesterium für auswärtige Angelegenheiten

Minesterium für auswärtige Angelegenheiten

Gleiche Kombination fand ich an der Wand des Ministeriums für Justiz. Die Kombination war mir bis jetzt aus den Mitgliedstaaten der Europäischen Union bekannt. Man bekommt das Gefühl, die Ukraine hätte kein Assoziierungsabkommen unterschrieben, sondern wäre der EU beigetreten. Dieser Eindruck spiegelt sich überall wieder. In der Metro, wo überall für die Zusammenarbeit mit der Europa geworben wird, sei es im wirtschaftlichen Sektor, in der Bildung oder gar in Menschenrechtsangelegenheiten.

Schild im Kiever Metro "Ukraine-EU: Rechtsgarantie, glückliche Familie"

Schild im Kiever Metro „Ukraine-EU: Rechtsgarantie, glückliche Familie“

Schild in Kiever Metro "Uraine-EU: Gute Bildung, neue Technologien"

Schild in Kiever Metro „Uraine-EU: Gute Bildung, neue Technologien“

In den Supermärkten, wo mit europäischen Standards geworben wird. In den Hoffnungen, die die Menschen in das Assoziierungsabkommen legen. Aus den Gesprächen kam heraus, dass sich die meisten den Rückgang der Korruption erhoffen. Sie verbinden die Europäische Union mit einer Flucht aus den russischen Verhältnissen, die mit einer „Rückkehr zu den Sowjetzeiten“ gleichgesetzt werden.

Neben dem starken Zuspruch für die EU wird auch schnell die Ablehnung von Putins Politik sichtbar. Die Frustration der Bürgerinnen und Bürger grenzt an Hass und Abscheu, die sich in allen Formen, Größen und Arten bemerkbar machen. Von Kühlschrankmagneten über Kraftfahrzeugschilder bis hin zu Großwerbeflächen: Vergleich mit Hitler, nicht normatives Lexikon, Verachtung in ihren zahlreichen Facetten.

Magneten

Magneten

Am 16.04.2014, als Dynamo Kiev gegen Schachtar Donezk gespielt hat, brüllten die anwesenden 72.000 Menschen ihre ganze Wut über Putin heraus, die sich in den letzten Wochen, Monaten, Jahren angesammelt hat. Die Wut ist berechtigt, wenn man bedenkt, weswegen so viele Menschen in den Regionen von Luhansk und Donezk in letzten Monaten ihr Leben opferten und immer noch opfern. Am Sofievskiy Platz stehen in zwei Reihen freiwillige Soldaten der Bataillon ASOV, eine bewaffnete ukrainische Miliz mit einem äußerst heterogenen Hintergrund. Manche kommen aus dem rechtsextremen Sektor, die anderen aus der Hooliganszene, die dritten erhoffen sich lediglich eine Waffe, um die Separatisten zu bekämpfen. Ihre Gesichter sind verdeckt, sie halten Flaggen in der Hand. Die Runen, die auf ihren Flaggen abgebildet sind, erinnern an die grausamen Zeiten des II WK.

Freiwillige der Bataillon ASOV werden in die ATO verabschiedet

Freiwillige der Bataillon ASOV werden in die ATO verabschiedet

Stillschweigend verabschieden die Angehörigen die Männer in die Antiterrorzone. Streitend versuchen die Journalisten, die besseren Kamerapositionen zu ergattern. Es kommt zu einem Streit. Beide Männer sprechen Russisch, doch der eine droht dem anderen, er würde ihm seine „moskalische“ Fresse einschlagen, wenn er nicht verschwinden würde. Der stellvertretende Kommandant des Bataillons, das durch den enormen Zuwachs an Freiwilligen mittlerweile zu einem Regiment umgeformt wurde, zeigt eine hohe Bereitschaft zum Interview. Auf meine Frage, wie lange die Ausbildung der Freiwilligen dauert, antwortete er: „Zwei Wochen hier vor Ort. Die Ausbildung beinhaltet sportliche Vorbereitung, Umgang mit Waffen sowie Nahkampfübungen. In den Einsatzgebieten werden Soldaten über die geografische Beschaffenheit und Besonderheiten der Lage unterrichtet.“

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Würde man die Menschen fragen, wie sie zu der Symbolik stehen, würden viele antworten, diese wären nicht faschistisch. Sie wollen lediglich die prorussischen Separatisten aus dem Land verjagen, um das Streben nach der geeinigten Ukraine in die Tat umzusetzen.

Die Forderungen über die geeinte Ukraine sind überall anzutreffen. Die Wahlplakate werben mit Schlagwörtern „Einigung jetzt“ und „Wir werden siegen“. Die Proteste in Kiew haben ihr Ende gefunden, die Menschen gehen ihren täglichen Verpflichtungen nach. Doch die Stimmung hat sich verändert. Die Hoffnung, in einem freien Land zu leben, ist in aller Munde, die Menschen begegnen sich sehr offen und fast brüderlich. Fragt man allerdings, was sie unter Freiheit verstehen, so gibt es keine universelle Antwort. Jeder versteht es auf eigene Art und Weise, doch alle wollen sich von dem russischen Imperialismus befreien. Und eigentlich möchte niemand einen Krieg.

Passanten zünden am Maidan den mit ausgelegten Kerzen geschriebenen Slogan "Слава Україні!" - Ehre der Ukraine!

Passanten zünden am Maidan den mit ausgelegten Kerzen geschriebenen Slogan „Слава Україні!“ – Ehre der Ukraine!

Anna Gleser

4 Gedanken zu “Sehen heißt nicht verstehen

  1. Liebe Leute,
    ich (Leas Papa) lese mit Spannung und großem Interesse Eure Berichte. Sie sind klug geschrieben und vermitteln mir wichtige Eindrücke, die ich ohne die Berichte ja nie bekäme. Besten Dank für Eure Mühe und weiterhin viel Neugier für alles Fremde.
    Und lasst auch bitte die Freude aneinander und an vielem sonst nicht zu kurz kommen,
    Michael

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  2. Lieber Herr Beichelt,

    Ich wollte mich nur kurz zu einem Text auf Ihrem Blog äußern (von einer Studentin, Anna Gleser, heute erschienen). Sie schrieb über das Bataillon Asow: „Die Runen, die auf ihren Flaggen abgebildet sind, erinnern an die grausamen Zeiten des II WK.“

    Das ist, wie man leider hinzufügen muss, eine Verharmlosung. Das Zeichen auf dem Wappen des Bataillons ist eine Wolfsangel, und die war das Symbol u.a. der Panzer-Division der SS „Das Reich“. (http://en.wikipedia.org/wiki/2nd_SS_Panzer_Division_Das_Reich ) Mir scheint, darauf sollten Sie vielleicht in der Auswertung noch einmal zurückkommen.

    Ich meine keinesfalls, wie die russische Propaganda, dass alles, was in Kiew seit Februar läuft, ein „faschistischer Putsch“ ist, aber es gibt natürlich rechtsextremes Gedankengut unter den ukrainischen Nationalisten, und wir sollten uns bemühen, da genau zu unterscheiden. Im Übrigen haben Kriege die Tendenz, den Nationalisten mehr Raum zu verschaffen, auch das ein Grund, sehr genau anzusehen, in welchen Formen Nationalismus sich ausbreitet, und zwar auf der russischen wie auf der ukrainischen Seite.

    Freundliche Grüße aus Wien und Ihnen viel Erfolg bei Ihrer Exkursion, auf der ich natürlich auch gerne wäre,

    Ihr
    Prof. Dr. Dieter Segert
    (Universität Wien)

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    • Sehr geehrter Prof. Dr. Segert,

      danke für Ihre Rückmeldung. Wie Sie selbst bereits gesagt haben, müssen wir zwischen nationalen und rechtsextremen Gedanken unterscheiden können. Ich gebe Ihnen selbstverständlich recht. Doch als Verteidigung muss ich sagen, dass ich ein Versuch unternommen habe, Eindrücke zu schildern, ohne zu urteilen. Ur-/Beurteilen werde ich erst dann können, wenn sich mir die vielen Fragen beantworten, die rund um das Thema auftauchen. Eine davon ist beispielsweise, wie es sein kann, dass solche Symbole von den Menschen, deren Sozialisation von Verachtung gegenüber Faschismus geprägt ist, diese Symbole übersehen. Parallel ist das Wort Faschismus gegenüber dem Putin aber in aller Munde. Wie kann es sein, dass Menschen, die sich selbst nicht als Natioinalisten verstehen, diese Bewegungen unterstützen? Aus den zahlreichen Gesprächen mit den Einheimischen kristallisiert sich langsam ein Muster heraus, dessen Klarheit ich mir allerdings zum Ende der Fahrt erhoffe. Dann bin ich (und sicherlich auch meine Kommilitonninen und Kommilitonen) hoffentlich in der Lage, das Problem aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten, um über die Ursachen und Gefahren diskutieren zu können.

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  3. Eine intelligente, aber leider auch sehr ausweichende Antwort. Ich bin jedoch sehr gespannt auf Ihre Zusammenfassung am Ende der Reise und hoffe, dass SIe dann das sich herauskristallisierende Muster besser beschreiben können/wollen!

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