Europäisierung live

Gestern um 17.00 Uhr bestiegen wir am Warschauer Ostbahnhof den Zug nach Kiev. Zum letzten Mal bin ich Mitte der 1980er Jahre auf diese Strecke gefahren. An der Grenze, die wir (über einen Weg von ca. 25 km) in etwa 4 Stunden überwanden, kam mir wieder der Gedanke, dass der Zustand der Eisenbahn – Zug, Gleise, Infrastruktur – doch ein ganz guter Indikator dafür ist, was der Elite eines Landes das öffentliche Wohl wert ist. In den letzten eineinhalb Jahrzehnten, in denen die ukrainische Wirtschaft nach der langen Transformationskrise wieder wuchs, und mit ihr die Vermögen und Einkommen der Oligarchen und Clanoberhäupter, die das Land bis heute regieren, scheint sich in dieser Hinsicht nicht viel verändert zu haben. Einstmals recht bequeme Waggons sind durch weniger bequeme ersetzt worden. Einen Speisewagen gibt es auf dieser Euro-City-Strecke nicht mehr und auch an den Bahnhöfen konnte man sich, zumindest nachts, nicht versorgen. Nur die Waggontoiletten haben inzwischen ein geschlossenes System erhalten, so dass sie in den gut zwei Stunden, in denen die Waggons auf die andere Spurweite umgestellt werden und die Passiere den Zug (im Unterschied zu sowjetischen Zeiten) nicht verlassen dürfen, nicht mehr abgeschlossen werden müssen. Zumindest in der Latrinenkultur habe ich schon ein bischen Europäisierung gespürt. Und so brause ich jetzt mit durchschnittlich 45 kmh auf Kiev zu und sehe unserer Exkursion mit zwiespältigen Erwartungen, aber voller Spannung entgegen.

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